The Toten Crackhuren im Kofferraum – bitchlifecrisis CD/LP/Stream

Ich muss zugeben, dass ich mit dem neuen Album der Toten Crackhuren im Kofferraum ein bisschen Achterbahn fuhr. Nach anfänglicher Euphorie schlich sich leichte Enttäuschung ein, die aber nach mehrfachem Hören wieder verflog. „bitchlifecrisis“ ist das Coming Of Age-Werk der rein weiblich besetzten Berliner Partyband geworden. Doch jede Party ist mal vorbei und man liegt am Tag darauf alleine der Couch, kämpft mit den Spätfolgen des Substanzenkonsums und bingewatcht Netflix oder ZDF-Mediathek. Das klingt auf dem neuen Crackhuren-Album öfter mal durch.

Laut Wikipedia (wo wir „Journalisten“ unsere heißen Infos „recherchieren,“ aber pssst!) gibt es die Band nun schon seit 2005. 14 Jahre als Crackhure hinterlassen Spuren auf der Seele. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Band sich irgendwann von den kleinen Popsongs über Ponys und süßen Kaugummis Songs etwas entfernt. Das ist nun passiert. OK, es gab schon immer Beziehungs-Songs oder das ein oder andere Lied gegen das Dauerstadtgespräch Gentrifizierung, aber so viele ernstere Stücke gab es noch auf keinem Crackhuren-Album.

Es ist aber nun nicht so, dass mit „bitchlifecrisis“ durchweg der Spaß gebremst wird. Nach dem powervollen Selbstvergewisserungs-Opener („Wir sind keine Band“) folgt die bereits vorab berühmt gewordene musikalische Abrechnung mit den praktischen Folgen Gerhard Schröders Agenda-Reform und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Berühmt deshalb, weil eben einige „Jobcenterfotzen“ offenbar umgehend angesprochen fühlen und pikiert reagierten, wie geleakte interne Mails der Arbeitsagenturen eindrucksvoll belegten. Aber bereits bei „OK Ciao“ mischen sich die Weltuntergangswünsche unter die Trap-Beats, während das erste Emo-Tief im Exfreunde-Song „Behindert“ ausbricht.

Danach geht man allerdings nochmal feiern, und zwar nur mit sich selbst und anderen coolen Leuten und ohne Gästelistenschnorrer („Minus 1“ – ein Remake des Shitlers-Songs „Plus 1“, wo bereits 2017 Crackhuren-Sängerin Luise Fuckface ein Feature hatte, hier ist es Rapper Juse Ju) und schaut im überaschend nach Rock klingenden „QVC gegen Geilheit.“ Aber ach, nun wird es ernst. Es geht um unerfüllte Mutterwünsche („Crackhurensoehne“), Langeweile in der Beziehung („Haematom“) und keine Liebe („Keine Liebe“) aber Bier, unglückliche Partnerwahl und Unordnung („Ein Bett aus Pizzaschachteln“), Einsamkeit im Internet („Ihr kriegt mich nicht“) und bizarrer Grufti-Sex („Patchuliöl“). Sechs langsamere und größtenteils ernstere Lieder in Folge muss man als Hörer bei einem Crackhuren-Album erst einmal verarbeiten. Und hier lagen auch meine anfänglichen Probleme. Aber nachdem ich mich erstmal von meinem eingeschliffenen Bild der Band und der Angst vor jeglicher Weiterentwicklung gelöst habe, funktioniert „bitchlifecrisis“ hervorragenend. Und immerhin schließt das Album mit  zwei Songs („Rumlaufen Stress machen“ und „Keine von uns ist krank“), die auch mich versöhnten.

Aber auch insgesamt gibt es bemerkenswerte Neuerungen: Die Band greift häufiger zum Sprechgesang und der Sound öfter mal rockiger und insgesamt minimierter. Gleichzeitig wird auf „bitchlifecrisis“ neben dem üblichen elektronischen Klängenmehr aufgefahren. Vom bereits erwähntem Rock über Trap bishin zu NDW (eher ZickZack als Frl. Menke versteht sich) ist alles dabei. Wer so wie ich Startschwierigkeiten hat, weil sein Lieblingslied der Band „Geniale Asoziale“ ist: Sich lösen, mehrfach durchhören und erkennen, dass „bitchlifecrisis“ anders, aber ein super Album der Toten Crackhuren im Kofferraum ist.

Philipp