Tobias Johann, Andreas Borsch (Hg.): Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk (Rev
Wenn ein Buch bereits vor seinem Erscheinen hohe Wellen schlägt, sagt das naturgemäß mehr über die Wellenschläger als über den noch unbekannten Inhalt des Werkes aus. Plötzlich gilt die Weisheit „Don’t judge a book by its cover“ gar nichts mehr, sobald auf dem Cover das Triggerwort „Antisemitismus“ prangt. Das reicht inzwischen bei einigen schon aus, um genau zu wissen, was sich vermeintlich Verwerfliches und Abscheuliches zwischen den Buchdeckeln findet, und sich in den Kommentarspalten sozialer Medien amtlich über den vermuteten Inhalt aufzuregen.
So geschehen beim kürzlich erschienenen Sammelband „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ (im Folgenden: JIAP), herausgegeben von Tobias Johann und Andreas Borsch und veröffentlicht im Verbrecher Verlag. Die Reaktionen fielen derart heftig aus, dass Oberverbrecher Jörg Sundermeier sie sich im Freitag (Bezahlartikel) von der Seele schreiben musste. Traurigerweise waren es nicht Nazis oder Islamist:innen, sondern überwiegend Menschen mit linkem Selbstverständnis, die wilde Unterstellungen formulierten. Die aufgebrachten Kritiker:innen bestätigten damit leider umgehend eine zentrale These des Buches – nämlich, dass Punk durchaus ein Antisemitismusproblem hat.
Nun liegt der Sammelband vor, und jede:r kann sich selbst ein Bild davon machen, ob es sich bei dem Buch tatsächlich um ein Propagandamachwerk der Netanjahu-Regierung handelt. Aber so viel sei schon jetzt gespoilert: Alle, die sich bereits vor der Veröffentlichung in das Buch hineingesteigert haben, dürften bitter enttäuscht sein vom differenzierten und weitgehend unaufgeregten Grundton.
„Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ versammelt auf gut 300 Seiten im Wesentlichen drei Arten von Texten: kulturhistorische Hintergründe zum (jüdischen) Punk, kritische wissenschaftliche Analysen zur deutschen und internationalen Punk- und Hardcore-Szene sowie biografische Erlebnisse jüdischer und nichtjüdischer, antisemitismuskritischer Punks. Konsequenterweise verzichten die Herausgeber ausdrücklich darauf, eine Definition von Punk zu liefern, wodurch die einzelnen Autor:innen großen Gestaltungsspielraum erhalten. Da – soweit nachvollziehbar – alle Beteiligten einen subkulturellen Background haben und das Punk-Spektrum einschätzen können, wirkt das Buch jedoch an keiner Stelle beliebig.
Über jüdischen Punk gibt es zumindest im deutschsprachigen Raum bislang kaum Literatur. Eines der wenigen Bücher zum Thema ist „The Heebie-Jeebies at CBGB’s“ von Steven Lee Beeber, das in deutscher Übersetzung vor langer Zeit im Ventil Verlag erschien und seit Jahren vergriffen ist. Dementsprechend wird es auch in nahezu jedem Artikel genannt oder zitiert. Zuletzt erschien 2022 mit der Sonderausgabe des Ostsaarzorn-Fanzines über Punk und Judentum eine Art Vorläufer von JIAP, der mehrfach nachgedruckt wurde. Interesse am Thema scheint also durchaus vorhanden zu sein. In den vergangenen Jahren erschienen zudem einzelne Beiträge in wissenschaftlichen Sammelbänden zum Antisemitismus im deutschen Punk, unter anderem von Annica Peters, die ebenfalls einen Beitrag im hier besprochenen Buch verfasst hat. Die Herausgeber hatten also den großen Luxus, ein zumindest in Deutschland weitgehend unbearbeitetes Feld zu beackern. Wo hat man das im Punk heute noch?
Insgesamt 16 Beiträge – Vorwort ausgenommen – machen JIAP zum ersten deutschsprachigen Sammelband zu diesem unterbeleuchteten Thema. Man erhält Einführungen in den kulturellen Einfluss des Judentums auf Punk, Einblicke in die israelische Punkszene sowie eine Auseinandersetzung mit Beebers steiler These, dass Punk ohne den Holocaust nicht stattgefunden hätte. In den wissenschaftlichen Beiträgen wird kritisch das antisemitische Potenzial in Punk und Hardcore analysiert, und schließlich kommen auch Juden:Jüdinnen sowie Aktivist:innen zu Wort. Dazu später mehr.
Selbstverständlich hat das Buch eine politische Schlagseite in Form einer antisemitismuskritischen und universalistischen Grundhaltung der Autor:innen. Die grausamen Ereignisse des 7. Oktober 2023 ziehen sich als roter Faden durch das Buch. Dennoch wird etwa die überwiegend antizionistische Haltung der politischen Punkszene in Israel durchaus verständnisvoll und differenziert betrachtet, beispielsweise im Beitrag von Itty Minchesta und Ulrich Gutmair. Auch Teresa Streiß, die mit ihrem Text über das antiisraelische Gebaren der Riot-Grrrl-Ikone Kathleen Hanna einen der kritischsten Beiträge beigesteuert hat, äußert Sorge über den demokratischen Zustand Israels unter der aktuellen Regierung, die sie als „rechtsradikal“ bezeichnet und der sie Menschenrechtsverletzungen vorwirft.
Was schnell deutlich wird: Die explizit jüdische Punkszene im engeren Sinn ist überschaubar. In anderen Ländern als Deutschland liegt das zumindest nicht an der Abwesenheit von Juden:Jüdinnen in der Subkultur. Vielmehr identifizieren sich die meisten jüdischen Punks kaum oder gar nicht mit ihrer Religion. Lou Reed, Richard Hell, Joey Ramone, Keith Morris, Henry Rollins und Fat Mike sind prominente Namen, die jede:r kennen dürfte, die jedoch nur selten als jüdisch wahrgenommen werden. Jüdische Szenebands finden hier in Fanzines oder auf Bühnen kaum statt. Am bekanntesten dürften hierzulande noch Jewdriver sein, die auch in Deutschland durch ihre bei Impact Records erschienene Split-Single mit den Jesus Skins Reichweite erlangten. Aber wer kennt hier schon Moshiach Oi!, Gefilte Fuck oder das Mazel Tov Cocktail-Fanzine? Wie wenig ethnische und religiöse Minderheiten im Punk trotz aller Bemühungen der vergangenen Jahrzehnte wahrgenommen werden, zeigt sich auch daran, dass beim Thema „schwarzer“ Punk und Hardcore meist noch immer zuerst die Bad Brains genannt werden, wie Jonas Engelmann in seinem Beitrag über Identitäten bemerkt.
Natürlich gibt es auch Juden:Jüdinnen in der deutschen Szene, und einige kommen im Buch zu Wort. Wie sich die Stimmung ihnen gegenüber in linken Räumen verändert hat, ist bedrückend. Jede halbwegs empathische Person sollte es beunruhigen, dass Lara Dvorah sehr genau darüber nachdenken muss, welche Räume sie in Berlin noch betreten kann, oder wie die eher säkularen Juden der Band DVMP die Läden empfinden, in denen sie auftreten. Ziemlich pessimistisch fallen auch die Schilderungen von Punks aus verschiedenen Großstädten aus, die sich gegen Antisemitismus im Punk engagieren und dabei spürbar die Freude an der Szene verlieren.
Das ist durchaus nachvollziehbar. In der ebenfalls vor Kurzem erschienenen Monografie „Die neue autoritäre Linke“ von Nicholas Potter wird eindrücklich beschrieben, was Menschen widerfahren kann, die sich heute gegen Antisemitismus engagieren, und welchen Gefahren für Leib und Leben sie durch Teile – ausdrücklich nicht durch alle – der palästinasolidarischen Szene ausgesetzt sind. Auch in der deutschen DIY-Punkszene, die sich traditionell Räume mit radikalen Linken teilt, hat sich seit dem 7. Oktober 2023 eine kleine, aber laute Minderheit herausgebildet, deren Selbstlegitimation darin besteht, alle zu bekämpfen, die politisch nicht „auf Linie“ sind. Grundlage dafür ist ein unterkomplexes Freund-Feind-Schema, in dem jahrzehntelange Konflikte auf ein imaginiertes Gut gegen Böse reduziert werden – vermittelt in kurzen Videos und emotional aufgeladen durch das tatsächliche, unermessliche Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung. Wer in dieser moralisch festbetonierten Weltsicht Fragen stellt oder differenziert, gilt schnell als „Genocide Supporter“ und damit als Feind. Dass (Deutsch-)Punk dafür auch in seinen Liedtexten eine gewisse Anfälligkeit besitzt, zeigt Georg Gläser in seinem Beitrag eindrücklich auf.
Leider sind die Fronten inzwischen ziemlich verhärtet. Das zeigen nicht nur die eingangs beschriebenen Reflexe in sozialen Medien. Kürzlich schmähte eine Berliner Band in einem neuen Song ihre Gegner als „Antideutsche“ – eine weitere negative Zuschreibung politischer Abweichler, die kaum noch etwas mit dem Ursprungsbegriff der Neunziger- und Nullerjahre zu tun hat. Laut Band soll es sich um ein Reagan-Youth-Cover handeln, wofür man allerdings einiges an Fantasie benötigt. Die Botschaft des Textes ist eindeutig: Wer gegen Antisemitismus ist, ist Nachfahre Hitlers und tötet Palästinenser. Herzlichen Glückwunsch! Dagegen wirken die lyrischen Leistungen von Cotzbrocken regelrecht wie komplexe Gesellschaftsanalysen.
Man könnte diesen Leuten wünschen, dass sie „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ lesen, denn es ist derzeit einer der wichtigsten Sammelbände der deutschsprachigen Subkulturforschung. Doch dazu wird es vermutlich nicht kommen. Dennoch an dieser Stelle eine ausdrückliche Empfehlung.
Philipp
Tobias Johann, Andreas Borsch (Hg.):
Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk
Verbrecher Verlag
320 Seiten
24 Euro

