Philipp Meinert (Autor von Homopunk History) im Interview

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Ihr kennt das sicher, manche Freunde trifft man aufgrund der entfernten Wohnorte gar nicht sooo oft, doch wenn man dann zusammen am Küchentisch oder beim Brunch sitzt, hat man das Gefühl, als würde man sich jeden Tag sehen.
Man steht laber-mäßig sofort auf dem Gaspedal, ohne komisches „ankommen“ Gefühl oder sich auf irgend etwas erst mal einlassen zu müssen. Mir geht es mit Philipp jedes mal so, wenn wir uns treffen.
Die Geschichten zu seinem neuen Buch zum Thema „Punk und Homosexualtität“ höre ich schon viele Monate, vom ersten Gedanken bis zu den ersten Interviews, der Verlagssuche und den aufploppenden Problemen bei der ganzen Sache habe ich immer sehr interessiert zugehört und nachgefragt, vor allem, wann ich den Schinken nun endlich in Händen halten werde.
Philipp steht mit seinem Buch nun wohl endlich kurz vor der Vollendung und ich habe die Gelegenheit genutzt, mal ein paar Fragen zu stellen, die von öffentlichem Interesse sein könnten. Holt euch das Buch!!
Ronja

Philipp, du hast dein 2. Buch fertig. Du bist zum Jahreswechsel fertig geworden…ist dein Baby schon im Druck? Oder streicht der Verlag grade noch alle anstößigen Stellen raus und schwärzt Namen?
Ronja, tatsächlich habe ich Ende Januar eeeendlich nach zwei Jahren nebenberuflicher Arbeit dieses Buch abgegeben. Mein Lektor, der zum Glück ziemlich viel Ahnung von der Thematik hat, brütet gerade über dem Script und ich beneide ihn um den Job nicht. „Frühjahr 2018“ ist der Termin zur Erscheinung, wann auch immer das ist. Auf Amazon, wo man es natürlich bitte nicht kauft, steht der erste April als Erscheinungstermin, aber das ist wohl ein Scherz, hihi.
Schwärzungen habe ich selber übernommen, aber nur an zwei-drei Stellen, und zwar wenn Menschen geoutet wurden, die das selbst nie getan haben – zumindest meines Wissens nach. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt finde ich, dass das nicht in dieses Buch gehörte zumal zwei Männer, deren (angebliche) Homosexualität mir verraten wurde, auch schon tot sind.
Aber vielleicht sind ein paar Streichungen während des Lektorats angebracht. Teilweise habe ich vielleicht zuviel geschwafelt. Mal sehen, wie man das bei Ventil sieht.

Ich hab bisher nur die kurze Zusammenfassung gelesen, das heißt, jetzt im Augenblick kannst du mir praktisch noch ALLES erzählen. Was ist das für ein Buch, was ist der Themenschwerpunkt, sind das aneinandergereihte Interviews oder auch Texte und welchen Schulabschluss muss man haben, um es zu verstehen?
Du weißt, dass ich dich niemals anlügen könnte 😉 Also das Buch heißt „Homopunk History“ und ist die Geschichte, Wirken und der Einfluss von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Intersexuellen und Queers (abgekürzt LGBTIQ*) in der Punk- und Hardcore-Szene, um es mal in einem Satz zu sagen. Es fängt an in der Pre-Punk-Phase mit Lou Reed von The Velvet Underground, der zugleich ein wichtiger Einfluss auf die spätere Punkszene als auch der erste bisexuelle Rockstar war. Das Buch reicht dann bis in die Gegenwart, reißt also fast 50 Jahre Geschichte ab. Orientiert habe ich mich hauptsächlich an Bands und Musik bzw. deren Texten, weil dass natürlich das primäre Medium für Subkulturen ist.
Man merkt vielleicht schon: Ich habe eine möglichst breite Perspektive gewählt. Was es bisher zum Thema gibt, findet fast ausschließlich aus der Queercore-Perspektive statt, also der Bewegung, die Bruce LaBruce und G.B. Jones mit ihrem Fanzine J.D.‘s 1985 in Toronto losgetreten haben. Dass ist natürlich ein wichtiger Teil und hat einen Freiraum für Nicht-Heterosexuelle Punks geschaffen, aber nicht die ganze Geschichte von LGBTIQ*s im Punk und Hardcore – auch weil viele sich gar nicht zwingen mit Queercore identifizieren konnten. Beispielsweise Mike Bullshit hatte einen riesigen Einfluss mit seiner Kolumne im Maximumrocknroll, aber sah sich selbst immer eher in der NYHC-Szene verwurzelt. Auch Dave Dictor von MDC, der sich ja erst vor wenigen Jahren als heterosexuell „geoutet“ hat, aber schon in den frühen Achtzigern sehr queer und als Crossdresser unterwegs war. Oder Kieran von den Restarts, der immer in der Anarcho-Punkszene rumhing. Nur drei Beispiele.
Außerdem habe ich versucht, auch die Leerstellen aufzuzeigen. Warum hat sich der Anarcho-Punk der frühen Achtziger stark für die Rechte von Frauen, Tieren, gegen Rassismus etc. stark gemacht, aber nicht für die von Schwulen und Lesben, obwohl schwuler Sex damals noch für Männer unter 21 strafbar und darüber hinaus noch stark reguliert wurde? Warum gab es bis in die späten Neunziger kaum Deutschpunksongs, die sich mit LGBTIQ*-Themen beschäftigen und warum bekam die Terrorgruppe noch vor 20 Jahren so viele negative Reaktionen, als sie mit „Neulich Nacht“ ein eher harmloses Lied über schwule Phantasien veröffentlichte? Sowas interessierte mich, auch wenn ich nicht wirklich immer befriedigende Antworten gefunden habe.
Zur Lesbarkeit: Ich habe versucht, dass Buch sprachlich eher niedrigschwellig zu halten. Ausdrücklich ist „Homopunk History“ kein wissenschaftliches Buch, also auch keins aus dem Bereich der Queer- oder Genderstudies. Am einigen Stellen bekomme ich den Sozialwissenschaftler vielleicht nicht ganz raus, aber wer dieses Interview hier ohne ständiges Googeln der Begriffe lesen kann, wird auch mein Buch verstehen.

Muss ich homosexuell sein, um das Buch interessant zu finden?
Nein, Bisexuell oder Trans* reicht auch aus. Mal ernsthaft: Nach ersten Rückmeldungen glaube ich, dass es sogar mehr Heten lesen werden, besonders diejenigen, die sich seit Jahren und Jahrzehnten in der Punk- und Hardcore-Szene bewegen und es vielleicht einfach mal einen Aspekt interessant finden, von dem sie fast noch gar nichts mitbekommen haben. Es ist definitiv kein Buch ausschließlich für die LGBTIQ*-Community. Ich habe daher auch immer kurz die queere Geschichte einfließen lassen, auch wenn die vielleicht gar nichts mit Punk und Hardcore zu tun hatte.

Wusstest du von Anfang an, wie der Schinken konzeptionell aufgezogen wird? Hast du dir das allein überlegt oder war der Ventilverlag von Anfang an als Ratgeber dabei? Konntest du deine Ideen von Anfang an umsetzen oder hast du im Prozess nochmal die Richtung geändert?
Ein bisschen wusste ich das schon, ganz einfach weil ich chronologisch vorgehe. Mir war halt klar, dass die Geschichte im New York der späten Sechziger/Siebziger losging und dass ich genau da anfangen muss. Ich habe einfach angefangen, bevor ich einen Verlag gefunden hatte. Irgendwann, nach einem halben Jahr, habe ich Sookee von diesem Buch erzählt und die kennt Jonas Engelmann vom Ventil Verlag. Insgeheim war Ventil tatsächlich mein Traum-Verlag, weil er meiner Meinung nach die besten Subkultur-Bücher in Deutschland herausbringt, gleichzeitig hätte ich nicht damit gerechnet, dass die mich in ihr Programm nehmen, weil Ventil ja eher wenig herausbringt, ich glaube so etwa 20 bis 30 Bücher pro Jahr und auf ihrer Homepage steht auch eine „Warnung“, dass man sich nicht allzu große Hoffnungen soll, wenn man sein Manuskript einschickt. Aber Ventil hatte tatsächlich Interesse, ich habe dann eine erste Gliederung geschickt, ich habe mit Jonas telefoniert und er hatte nur ein paar kleinere Anmerkungen. Aber ich hatte im Prozess des ganzen immer wieder mal Fragen, die ich ihm jederzeit stellen konnte. Perfekt eigentlich. Jetzt bin ich gespannt, wie sein Lektorat aussieht.

Foto: Sven Serkis

Handelt es sich um ein Szenedokument zu Punk und Hardcore (denn dafür ist ja eigentlich Helge Schreiber zuständig)? Oder möchtest du auch bei den Leser_innen inhaltlich/politisch irgend etwas anstoßen oder erreichen?
Wenn ich die Frage richtig verstehe: Es ist sicherlich schon aus meiner Liebe zur Punk- und Hardcore-Szene geschrieben, aber tatsächlich habe ich ja vieles, im Gegensatz zu Helge, gar nicht selbst erlebt oder war aufgrund meines (unseres!) jugendlichen Alters selbst vor Ort. Daher kann das kein hundertprozentiges Szenedokument sein, eine gewisse Distanz ist immer dabei, auch weil ich dann auf Sekundärquellen und Aussagen anderer zurückgreifen musste und wir alle wissen, dass gerade so etwas rückblickend auch immer gern verklärt wird. Ich hatte aber auch gar nicht den Anspruch, total objektiv zu sein. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Jede*r erlebt seine Punkgeschichte ja anders, LGBTIQ* machen da keine Ausnahmen und es gibt Widersprüche.
Eine Agenda habe ich auch nicht. „Homopunk History“ ist eher eine Beschreibung statt eines politischen Manifests. Ich wollte in erster Linie einfach mal diese Geschichte aufschreiben, die so zusammenhängend nich nie jemand aufgeschrieben hat. Meine Meinung blitzt an vielen Stellen aber schon durch. Wenn aber zum Beispiel eine Trottelband wie Reduction neben ihrem abartigen Sexismus auch gefühlt in jedem zweiten Song von „Schwuchteln“ singt und sich der Sänger dann ernsthaft damit verteidigt, man habe nichts gehen Schwule, weil er selbst einen schwulen Onkel habe, blitzt bei mir sicher schon ein gewisser Sarkasmus durch, klar. Oder ich schreibe auf, warum die Kassierer meiner Meinung nach nicht homophob sind, was natürlich auch von meinem Fan-sein herrührt. Das ist ja auch das Schöne daran, dass es kein wissenschaftliches Buch ist. Das kann ich einfach machen.
Aber ich werfe Fragen auf, die mich schon interessieren und die eine politische Dimension haben. Neben einigen schon genannten auch z.B. über die Sichtbarkeit von Lesben. Lesben sind auch innerhalb der Community oft „unsichtbar“, werden nicht wahrgenommen und bewusst und unbewusst ausgegrenzt. Zwar tut sich da auch was, aber es ist immer noch die Realität. Da macht die Punkszene nicht viele Ausnahmen. In meinem Buch geht es daher zu 80 Prozent um schwule Männer, weil 80 Prozent der überlieferten Geschehnisse zum Thema mit schwulen Männern zu tun haben und ich wie gesagt in erster Linie die Geschichte zunächst einmal aufschreiben wollte. Das versuche ich aber zu problematisieren und darauf hinzuweisen bzw. meine Interviewpartner*innen dazu zu befragen. Klar war das in der Realität nicht so, dass lesbische Frauen im Punk keine Rolle spielten. Im Gegenteil! Aber du weißt ja selber, wie häufig das Männer/Frauen-Verhältnis in der Punkszene ist und wenn es eh schon wenig Frauen gab, kannste dir ausrechnen, dass wenige davon Lesben waren. Das Problem ist eher strukturell bedingt. Geschichte, auch Pop- und Subkulturgeschichte wird immer noch vorwiegend von Männern geschrieben und ich habs ja auch getan. Ich hoffe, dass ich damit selbstkritisch umgehe, auch wenn ich das Problem nicht löse. Ich weiß nicht, ob ich auf jede Frage die richtige und befriedigende Antwort habe. Das sollen andere entscheiden.
Wer einen Diskussionsbeitrag sucht, wird wohl bei „Our Piece of Punk“ fündig, dass ebenfalls kürzlich bei Ventil erschienen ist.
Apropos Helge: Der hat mir wahnsinnig geholfen mit seinem unglaublichen Archiv an Ausgaben des Maximumrocknrolls. Der hat glaube ich mehrere Nächte durchgescannt und mir hunderte Seiten eingescannt hat.

Welcher war der spannenste Künstlerkontakt und von wem warst du total enttäuscht, wer hat dich überrascht und wer war die größte Diva? Ich will Gossip!
Über Gossip und Beth Ditto stehen in einem hinteren Kapitel ein paar Absätze, höhö.
Haha, puh, schwierig. Eigentlich waren alle total sweet. Die erste Reaktion war meist: Oh toll, dass du so ein Buch schreibst und toll, dass du mich dafür fragst. Ich habe viele tolle Geschichten. Die Reding-Brüder zum Beispiel, die viele ja noch über ihren Film Oi! Warning kennen. Die habe ich an einem Sonntag Nachmittag getroffen und meinte scherzhaft, dass das ja die perfekte Kaffee-und-Kuchen-Zeit wäre. Dann kam ich hin und die haben exta Kuchen für mich gekauft, obwohl die selbst keinen essen. Total nett.
Das Interview mit Danny Fields ist etwas in die Hose gegangen. Wer den Mann nicht kennt: Danny Fields wohl einer der wichtigsten Nicht-Musiker der Punkgeschichte – viel wichtiger als Malcolm McLaren aber viel unbekannter, weil er einfach um seine Person kaum Aufsehen macht und immer eher im Hintergrund arbeitete, aber auch äußerst erfolgreich. Die New York Times schrieb mal über ihn, dass ohne ihn Punk Rock nicht stattgefunden hätte. Das stimmt wohl, auch wenn er das nicht hören möchte. Er hat den Stooges und den MC5 ihre ersten Plattenverträge verschafft, die Ramones gemanaged und war eine integrative Figur der Siebziger Rockszene in New York, wo er allerlei Menschen miteinander verband, die später für Punk wichtig wurden. Er machte als Journalist die Doors und Alice Cooper populär, stellte Iggy Pop und David Bowie aneinander vor und beendete aus Versehen die Karriere der Beatles (lustige Geschichte, einfach mal im Buch nachlesen ;)), was sicherlich auch Platz für Punk geschaffen hat. Und dann darf ich diese Legende telefonisch interviewen, ich bin saunervös und ständig kackt die Leitung ab. Dann merke ich auch noch: OK, die Fragen an ihn passen teilweise gar nicht, weil er einfach eine andere Generation schwuler Männer ist. Der ist fast 80! Dennoch war es natürlich toll, auch wenn das Interview etwas holprig war. Und der Mailkontakt danach war auch sehr nett.
Fast zu jeder und jedem habe ich in irgendeiner Weise eine Geschichte zu erzählen: Jayne County habe ich aufgrund der Zeitverschiebung um drei Uhr Morgens deutscher Zeit interviewt, während sie durchs Haus rannte und ihre etwa 10.000 Katzen fütterte, bei Phranc und Lynn Breedlove war das Ganze eine lange Zitterpartie, ob die Interview überhaupt zustande kommen, ebenso wie mit Martin Sorrondeguy von Limp Wrist/Los Crudos, der ja nur alle sieben, acht Jahre mal durch Europa tourt und ich die Chance, ihn live zu interviewen, unbedingt nutzen wollte, was auch geklappt hat. Die größte Diva im positiven Sinne ist wohl Vaginal Davis, eine intersexuelle Queercore-Fanzinerin, mit der ich glaube ich vier Stunden gequatscht habe über alles Mögliche, wobei „zum Glück“ nur 1,5 Stunden Interview waren und die mich danach sehr charmant in ihrem Blog beschrieben hat. Zu den meisten habe ich immer noch Kontakt. Mit Wolfgang Müller von der queeren Artpunkband Die Tödliche Doris treffe ich mich immer noch häufiger auf ein Getränk im Südblock in Kreuzberg. An dieser Stelle mache ich mal einen Punkt.
Enttäuscht war ich höchstens von Leuten, die sich nicht oder nicht mehr gemeldet haben, wenn ich sie anschrieb. Schade zum Beispiel, dass das Interview mit Sadie Switchblade (Ex-G.L.O.S.S.) dann doch nicht zustande kam, weil sie dann auf meine Mails nicht mehr reagierte. Auch sehr schade finde ich, dass ich mit niemandem aus dem zweiten Tuntenhaus in Berlin in der Mainzer Straße über das dortige Punk-Selbstverständnis reden konnte, obwohl ich mich intensiv um einen Gesprächspartner bemüht habe. Ein kurzes „Sorry, wir haben keinen Bock (mehr)“ wäre netter gewesen, als zehn Mails lang ignoriert zu werden. Ghosting nennt man das Neudeutsch.

Erzähl mal von der Recherchephase. Wie viel musstest du erst mal selbst in Büchern, Fanzines und im Internetz lesen, bis du ne Liste von Leuten hattest, die für das Buch interessant sein könnten?
Ein bisschen Vorkenntnisse hatte ich ja schon, weil ich ja 2013 mit Martin Seeliger einen Sammelband zu Punk herausgebracht habe. Aber klar, ich musste nochmal tiefer in die Materie einsteigen. Gerade habe ich nochmal das Literaturverzeichnis durchgesehen und mit Erschrecken festgestellt, dass ich fast 80 Bücher dort angegeben habe, von denen ich mindestens 60 komplett gelesen habe. War mir gar nicht so bewusst. Hinzu kommen natürlich unzählige Quellen aus Fanzines und eben dem Netz. Zine-Artikel habe ich hauptsächlich aus dem Archiv der Jugendkulturen bekommen. Meine Hauptquellen waren da Maximumrocknroll (danke nochmal, Helge!), das Ox und das Trust, aber natürlich auch einiges anderes.
Ich habe eher parallel gelesen mit dem Schreiben, also auch hier nicht wissenschaftlich gearbeitet. Ich habe dann so gearbeitet, dass ich dann „Please Kill me“ für das New York-Kapitel gelesen habe und dann immer, wenn ich etwas interessantes gefunden habe, es in den Laptop gehackt habe bzw. mir Fragen ausgedacht habe, die ich dann später Interviewpartner*innen stellen kann.

Foto: Amelie Kahn-Ackermann

Wie hast du entschieden, wer interessant für das Buch ist und wer nicht bzw nur für die B-Liste? Sind die Menschen, die interviewt wurden bzw über die du geschrieben hast alle explizit und offensiv homosexuell oder hast du auch das Umfeld von Leuten oder Familie etc mit dabei?
Eine B-Liste gab es eigentlich nicht. Fast alle Interviews haben geklappt. Manchmal habe ich mich noch einmal umentschieden, aber Abstriche habe ich eigentlich nicht gemacht. Das einzige, was ich schmerzlich vermisse, ist wirklich das Interview mit Sadie, aber da habe ich dann auch keine Motivation gehabt, irgendeine andere Trans*-Person als Lückenfüller*in zu interviewen, sondern lieber aus Sekundärquellen etwas über sie geschrieben.
Zunächst einmal muss ich was zum Aufbau des Buches sagen: Es gibt 15 Kapitel mit diversen Unterkapiteln, die sich meist über einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeitepoche (zum Beispiel Los Angeles in den Siebzigern) beziehen. Die meisten enthalten einen normalen Text-Anteil und insgesamt gibt es noch 14 teilweise sehr lange Interviews gesondert von Menschen, die dabei und vor allem der LGBTIQ*-Community zugerechnet werden konnten und aus ihrer Perspektive berichten konnten. Ein weiteres Kriterium war, dass die Menschen nicht schon völlig „abinterviewt“ waren zu ihrer Sexualität und dem Umgang damit in der Punk- und Hardcore-Szene oder zeitnah dazu alles gesagt oder geschrieben haben. Deswegen tauchen zum Beispiel Gary Floyd von den Dicks, Jon Ginoli von Pansy Division, Bob Mould von Hüsker Dü oder Laura Jane Grace von Against Me! nicht mit eigenen Interviews auf. Gary Floyd hat vor einigen Jahren ein zweitteiliges Interview dazu gegeben und die anderen drei haben in jüngster Vergangenheit Autobiographien herausgebracht. Es ist mir irgendwie generell unangehm, Fragen zu stellen, die sie schon 1000x beantwortet haben. All diese Menschen kommen ausführlich vor, aber in biografischen Kapiteln, nicht als Interview.
Natürlich habe ich auch immer Leute kurz befragt oder angemailt, wenn ich mal schnell was wissen wollte, zum Beispiel die Motivation zu einem Song. Aber auch da habe ich immer zunächst geschaut, ob dazu nicht schonmal irgendwas im Netz oder einem Fanzine stand und habe es dann nicht weiter verfolgt. Das familiäre Umfeld habe ich nicht befragt, dass wäre wohl zu umfangreich für das Buch gewesen.

Gibt es auch sowas wie „kritische Stimmen“? Also, jetzt nicht Leute, die einzelne Gruppen oder Aktionen kritisieren, sondern zum Beispiel irgendwen, die/der mal einen anti-gay-Songtext oder sowas hatte oder generell mit Kritik an Homosexualität aufgefallen ist?
Ja, ein ganz großer Teil dreht sich auch um Homophobie auf verschiedenen Ebenen. Aber hier war das relativ einfach, weil seit etwa 15 Jahren eine gewisse Sensibilität für das Thema vorherrscht und fast immer irgendwer schonmal jemanden befragt hat, warum er oder sie (meistens er) denn damals einen homophoben Song geschrieben hat und wie er (sic!) das heute sieht. Die Szene ist ja inzwischen durchaus sensibilisiert und viele der älteren Bands sind bemüht, so etwas aus dem Weg zu räumen, manchmal wohl auch aus Angst vor Konzertabsagen. Klassisches Beispiel sind die Bad Brains oder die Cro-Mags.

Wie schreibst du über Leute, die nicht mehr am Leben sind? Ist das mehr eine Zusammenfassung von bereits bestehenden, biographischen Infos oder hast du auch mit Hinterbliebenen und Freunden gesprochen?
Meist ersteres. Es ist ja auch eigentlich alles wahnsinnig gut dokumentiert. Aber natürlich habe ich auch immer wieder meine Interviewpartner*innen befragt, wenn es passte, zum Beispiel Phranc, die in der frühen L.A.-Punkszene rumhing und Darby Crash kannte. Mit ihr habe ich natürlich auch über ihn gesprochen.

Wie waren denn die Reaktionen auf deine Anfragen? Waren alle sofort begeistert und auskunftsfreudig? Oder hatten viele vielleicht auch Sorge, über diesen Teil ihres Privatlebens zu sprechen?
Wie eben schon angedeutet: Fast alle waren wirklich sehr aufgeschlossen und freuten sich auch, dass das jemand macht. Wir haben es hier ja auch mit Künstler*innen zu tun, die gerne Auskunft über ihr Schaffen geben. Und klar ist das ein sensibles Thema, aber ich habe von vornherein immer angeboten, dass das Interview gern nochmal gelesen werden kann. Mache ich eigentlich grundsätzlich so.

Wann kommt das Buch denn jetzt endlich raus, wann kommt das Hörbuch und wann gehst du auf Lesereise?
Jaa, ich bin selbst gespannt, wie lange das Frühjahr bei Ventil dauert 🙂 Spaß beiseite, ich hoffe spätestens im Mai, weil ich ab Juni tatsächlich schon ein paar Einladungen habe um über das Buch zu sprechen. Ich glaube, bisher sind sechs oder sieben eingegangen, was super ist, weil ich ja Vollzeit arbeite und eigentlich kaum Zeit habe, jetzt noch groß eine Tour zu planen. Aber ich komme gerne mal vorbei und es kostet auch nicht die Welt. Anfang September wollte ich eine kleine Lesetour machen. Da habe ich mir Urlaub genommen. Anfragen gern an mich unter mail@homopunk.de
Und jetzt noch eine Frage, die eigentlich immer der Basti stellt: Wenn die Entstehungsgeschichte des Buchs mal verfilmt wird, vielleicht so ähnlich wie „decline of western civilization“ …von welchem Schauspieler (tot oder lebendig) wirst du gespielt?
Da ich mich generell auch aus hygienischen Gründen eher von lebendigen Schauspielern darstellen lasse, würde ich James Franco die Rolle anbieten. Der sieht zwar nicht ganz so gut aus wie ich, aber mit Maske kann man da vielleicht einiges rausholen. Gruß an Basti 🙂
Richte ich aus, haha. Danke dir für die Infos, ich bin super gespannt auf dein Buch. Wir werden das natürlich, wenns so weit ist, im bzw auf plasticbombshop.de verkaufen, hüstel hüstel….