Linus Volkmann – Sprengt die Charts! (Buch)

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Vor einigen Jahren schrieb Linus Volkmann einige Kolumnen für das berühmte Plastic Bomb-Fanzine. Danach kannte die Karriere des Dressman und Kontaktlinsenverweigerers nur noch eine Richtung: Nach ganz oben! Grimme Preis für seine Arbeit mit Jan Böhmermann, eigene Videokolumne beim WDR, ausverkaufte Lesetourneen und einer Facebook-Reichweite von der Fläche des Saarlandes.

Der Popjournalismus-Titan, der alles erreicht hat, was man als Popjournalismus-Titan erreichen kann, behält sein immenses Wissen trotzdem nicht einfach für sich. Er gibt uns Unwissenden nun ungefragte Ratschläge, wie man die Charts sprengt. Das soll ja heutzutage nicht mehr so schwer sein. Oder wissen Sie, wer gerade Nummer Eins der deutschen Singlecharts und damit für eine Woche der beste Musiker oder die beste Musikerin zwischen Flensburg bis an die Alpen ist? Eben! Und wenn der oder die, den oder die niemand kennt es schaffen kann, dann sogar Plastic Bomb-Leser*innen. Die kennt man zum Glück auch meistens nicht persönlich.

„Sprengt die Charts“ heißt dieses heitere kleine Büchlein von Linus Volkmann, das jetzt im Ventil Verlag erschienen ist. Untertitel: „Wie werde ich Popstar (und warum?)“ Allerdings rät Linus einem viel mehr, wie man es NICHT machen wollte, es deutlich unterhaltsamer ist als Onkelz-Kalendersprüche wie „Geh immer deinen Weg und glaube an dich“. Viel wohltemperierter Hass auf die Popwelt und ihre Ausläufer presst der linke Wutbürger auf gut 100 nett gelayoutete Seiten. Klassentreffen, Festivals und Influencer-Gehabe bekommen ihr Fett weg. Es geht also nicht nur um den Dinosaurier „Charts.“ Oft finde ich mich wieder. Nicht umsonst achte ich bei seltenen Festivalbesuchen auf Übernachtungsmöglichkeiten in gemäuerten Unterkünften (Mama wohnt zum Glück unweit des Ruhrpott Rodeos!) und mindestens zwei der neun Floskeln aus der Anleitung zum Schreiben der beschissensten Plattenreviews aller Zeiten habe ich selbst schon verwendet. Gut, dass ich eher Buchrezensionen schreibe.

Ich weiß nicht, ob Linus Volkmann beim Schreiben von „Sprengt die Charts“ einen gewissen Felix Blume und sein vollkommen zurecht ultraerfolgreiches Alpha-Ratgeber vor Augen hatte, in dem Vollidioten mit Minderwertigkeitskomplex erklärt bekommen, wie sie noch größere (und noch breitere) Vollidioten werden (Spoiler: teure Nahrunsergänzungsmittel und Rückverdummung). In jedem Fall ist Linus Volkmann der ganz bewusste Gegenentwurf zu Kolle. Und das hebt ihn so sympathisch von den ganzen Meinungs-Luftpumpen in eurer Timeline ab: Volkmann präsentiert exhibitionistisch entgegen dem neoliberalen Selbstoptimierungstrend eigene Unvollkommenheiten. Er teilt aus und steckt aber auch selbst genüsslich ein. Eine Balance, die man in der überhitzten Debattenkultur immer seltener findet.

So handhabt er es auch in seinem neuen Buch: Es wird nicht nur abgekotzt, sondern auch die eigenen Unzulänglichkeiten und gelegentliche Trostlosigkeiten des eigenen Daseins werden hemmungslos zur Schau gestellt. Besonders der sog. „Musikjournalismus“, dessen einst fruchtbarer Schoß auch einen Linus gebar und immer mehr im Koma liegt nachdem einige kluge Verlagschefs vor Jahren auf die Idee kam, einfach (fast) alles kostenlos ins Internet zu stellen, ist ein treffender Sparringspartner für Kritik. Das eben jener Job nicht nur teure Drogen aus den Bauchnabeln internationaler Megastars ziehen bedeutet, lässt er in Texten über die von allen außer Linus Volkmann (und mir) gnadenlos überschätzten Radiohead (Hurz!) oder den mir bis dato unbekannten Indie-Cindy-und-Bert-Ehepaar Sea & Air durchblicken. Oft steht beim Schreiben für Geld auch einfach nur das Geld im Vordergrund und davon gibt es immer weniger. So witzig ist das also alles gar nicht, wenn man vom Schreiben über Musik Miete und Zigaretten bezahlen muss.

Außerdem gibt es noch kleine Bilder aus dem Internet, die Linus dort ausgeschnitten, wieder auf Papier gebannt und genüsslich dokumentiert hat. Ebenso witzige Comics. Das ist alles sehr bunt, das macht alles (ich wiederhole mich!) großen Spaß, weil der Autor sich selbst null ernst nimmt und immer wieder winkt aber tödlicher Ernst am Horizont. Noch besser allerdings ist Linus Volkmann live und betrunken. Auch dieses Jahr wieder. Gehen Sie hin.

Philipp

Linus Volkmann: Sprengt die Charts! Wie werde ich Popstar (und warum?)
Ventil Verlag
Mainz 2019
115 Seiten
12 Euro