Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte (Buch)

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„Ach Du Scheiße!“ — das war zugegeben mein allererster Gedanke, als ich das monströse Buch „Ramones. Eine Lebensgeschichte“ aus dem Paket holte. Das erste Buch von Flo Hayler ist direkt größer als die WG-Zimmer einiger Studenten, die ich kenne und wiegt laut meiner Küchenwage 2,4 Kilogramm. Wer soll denn das alles lesen? Na ich wohl, seufz. Immerhin hatte ich mir leichtsinnig ein Rezensionsexemplar kommen lassen.

Doch der Reihe nach! Für alle, die außerhalb der Berlin-Blase leben und Flo Hayler nicht kennen: Der Mann betreibt seit Mitte der Nullerjahre in Berlin das inzwischen in Kreuzberg angesiedelte Ramones-Museum bzw. das weltweit einzige Ramones-Museum. Neben einer Sammlung teils unglaublicher Erinnerungstücke über seine Lieblingsband auch in netter Veranstaltungsort, wo häufig auch Lesungen und Akkustik-Konzerte stattfinden.

Eben jener Flo hat nun mit „Ramones. Eine Lebensgeschichte“ das wahrscheinlich umfangreichste Werk über die nicht gerade selten  beschriebene Punkband aus New York City geschrieben. Der Titel ist in zweifacher Hinsicht zu verstehen: Es ist sowohl die Geschichte der 1974 gegründeten Band, als auch die von Flo, der sein Leben in den Dienst der Nachlassverwaltung der Ramones gestellt hat.

Flos persönliche Geschichte mit den real-existierenden Ramones geht nur von 1990 bis 1996. Am Anfang des Jahrzehnts sah er die Band zum ersten Mal live, und zwar mit der Unvoreingenommenheit, die er als kleiner Dorfpunk damals noch haben konnte, wenn man erstmal ein Punkkonzert sah ohne zuvor durch schlechte Handymitschnitte auf YouTube vorab versaut worden zu sein. Schnell war Flo mehr als ein Fan, sondern Teil eines besessenen Fanclubs, der der Band bisweilen weltweit verfolgte. Das zahlte sich aus. Offenbar kümmerten sich die Ramones auch rührend zurück. Flo konnte sich sogar jährlich über eine kitschige persönliche Weihnachtskarte von Johnny Ramone freuen. Irgendwann wurde daraus auch eine Sammelwut, die nicht mehr bei ein paar Shirts und Postern aufhörte sondern mit dem tonnenschweren Wohnzimmerschrank von Joey Ramone, den Flo nach dessen Tod in den USA erwirbt und nach Deutschland schafft, um ihn in sein Museum zu transportieren, wie in „Ramones. Eien Lebensgeschichte“ nachzulesen ist.

Doch Flos persönliche Geschichte mit der Band bildet nur den Rahmen für sein Buch im Umfang und vom Gewicht von zwei Ziegelsteinen. Seine Geschichten sind die Einleitungen zu den Kapiteln der Bandgeschichte, die offenbar minutiös nachrecherchiert wurde. Immer wieder staunt man über die Fülle der Details, wenn er zum Beispiel genau weiß, die teuer das Appartment von Joey Ramone in den Achtzigern war, welchen Pantone-Farbton das Pink im Bandschriftzug hatte oder wie Dee Dee Ramones bizarre Rap-„Karriere“ in den späten Achtzigern verlaufen ist. Die zu erwartenden Standards enthält „Ramones. Eine Lebensgeschichte“ natürlich auch in Form ausführlicher autobiografischer Details sowie detaillierten Entstehungsgeschichten der einzelnen Alben und Lieder. Außerdem beinhaltet es hunderte von Fotos, teilweise auch von raren und seltsamen Fan-Artikeln der Ramones wie Brieföffner. Da sitzt Flo mit seinem Museum natürlich an der Quelle.

Ich kann aber keine Rezension über ein Ramones-Buch schreiben, ohne mein Verhältnis zur Band kurz zu erklären: Bei aller Wertschätzung für die Rolle der Ramones bin ich nie ein großer Fan gewesen. In gewisser Hinsicht finde ich sie nämlich langweilig: Die unbestrittenen Urväter des Punkrocksounds waren immer ein auf finanzielle Einträglichkeit durchkalkulierte Rock’N’Roll-Fabrik, ein mittelständisches Wirtschaftsunternehmen in Lederjacken. Kann man machen und schmälert nicht ihre berets genannte Bedeutung. Als jemand, der beim Hören eines Albums aber weder Moll von Dur unterscheiden kann, noch genau sagen kann, was von den Geräuschen da der Bass ist, bieten mir zumindest die Ramones als Punkband bis auf ein paar nette Songs wenig. Für mich wird es dann interessant, wenn die Musik eher das Trägermedium für mehr ist, sei es ein perfekt gespieltes Verwirrspiel mit den Medien wie bei den Sex Pistols, der Traum von einer besseren Gesellschaft wie bei CRASS oder die musikalische Untermalung der kompletten Selbstzerstörung wie bei GG Allin, um nur drei zu nennen.

Und das ist vielleicht das größte Kompliment, was ich dem Buch machen kann: Obwohl die Band mich nur so am Rand interessiert, bin ich rundum begeistert von „Ramones. Eine Lebensgeschichte.“ Auch weil er keineswegs unkritisch mit der Band umgeht. Dass Joey Ramone zu häuslicher Gewalt neigte, blendet er genau so wenig aus wie Dee Dees Hang zu Lügengeschichten oder das Joey und Johnny Ramone kaum noch miteinander redeten und trotzdem nach außen Hin den Anschein einer eingeschworenen Gemeinschaft spielten. Flo deckt auch hemmungslos die Widersprüche im Bandalltag auf. Andererseits möchte er sie eben auch als „seine“ Ramones darstellen. Dass Johnny Ramone ausschließlich ein finanzielles Interesse an seiner Band hatte und dazu politisch extrem reaktionär war ist bekannt. Dennoch beschreibt er auch die andere Seite des Gitarristen, der sich sehr um seine Fans kümmerte und ihn bisweilen nach Hause einlud und alles tat, dass sich seine Gäste wohl fühlen.  Viele Infos sind ansonsten vielleicht aus anderen Büchern bekannt, aber Flo hat mit „Ramones. Eine Lebensgeschichte“ wirklich alles vereint, was man zur Band wissen muss und sollte. Es ist DAS Standardwerk zur Band. Danach kann nichts mehr kommen.

Dazu ist es sehr gut lesbar vom hauptberuflichen Musikjournalisten geschrieben. Am Ende war ich verblüfft darüber wie schnell dann doch die 640 Seiten an meinem Augen vorüberrauschten. Der Preis von 48 Euro mag den ein oder anderen Sparfuchs abschrecken, aber „Ramones. Eine Lebensgeschichte“ ist mit so viel Liebe und Detailtreue gearbeitet, dass es jeden Cent wert ist. Schade, dass eine Fortsetzung ausgeschlossen ist, aber wenn das technisch möglich ist, plädiere ich für eine Taschenbuchausgabe, um Druckstellen auf der Brust zu vermeiden.

Philipp Meinert

Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte
Heyne Hardcore
München 2018
640 Seiten
48,00 Euro
ISBN: 978-3-453-27051-0