Fuer immer Cover 2bIch habe Martin Büsser nie persönlich kennengelernt, kenne aber viele geschätzte Menschen, die immer noch leuchtende Augen bekommen, wenn sein Name fällt. Grund genug, sich etwas mehr mit dem Popjournalisten – auch wenn diese Beschreibung zu kurz greift – zu beschäftigen.

 

Anlässlich seines 50. Geburtstages, den der Autor selbst nicht mehr erleben darf, eröffentlicht sein Hausverlag Ventil „Für immer in Pop“, eine Sammlung seiner besten Texte zwischen 1990 und 2010.

 

Und mal unabhängig vom Alter der Texte stellt sich die Frage, welche Relevanz gedruckte Texte zum Thema Pop denn heute noch haben.  Ist nicht jede*r inzwischen irgendwie „Popjournalist*in“, der oder die auf Facebook etwas zu lang unter das Promo-Posting eines beliebigen Künstlers schreibt? Denn statt Kulturkritikseiten von FAZ bis taz ist es heute die Amazon-Bewertung, die jede*r verfassen kann, die Beachtung findet und die die wenigen Meinungsführer*innen überflüssig gemacht hat. Ja, auch auf Seite der oder des Kreativen wird das doch heute so gesehen. Selbst ich als gelegentlicher Bewerter von Kulturgütern wurde schon ein, zwei Mal freundlich darauf hingewiesen, dass das ja ganz nett sei auf der Plastic Bomb-Homepage, aber vielleicht doch auch bei Amazon… Natürlich nur bei einer positiven Rezension.

Ich weiß schon, was ihr denkt. „Geh mich wech mit Pop-Journalismus“ höre ich den klischeebeladenen Plastic Bomb-Leser rufen und sehe ihn eine leere Sternburg-Flasche nach mir schmeißen. Doch auch für dich, Ratte oder Kotze oder wie auch immer du heißt, ist was in „Für immer in Pop“ dabei. Denn auch wenn Martin Büsser mit dem experimentellen Punk und Wave der Kunsthochschulen wie Devo, Residents oder einer Band namens Red Krayola, von der ich in meinem Leben noch nie gehört habe, deutlich mehr anzufangen weiß und beim Hardcore eher No Means No, Hüsker Dü oder die Butthole Surfers statt Agnostic Front oder Cro-Mags schätzt, merkt man seinen Texten an, dass er auch dem Teil der Subkultur, dem er nicht angehörte, keinesfalls die Legitimation absprach. Zwar nervte und langweilte ihn wohl das ritualisierte und wiederholende Element des „Straßenpunks“, es wurde aber (meistens) akzeptiert. Beispielsweise kommt er 2003 anlässlich der Rezension der Exploited-Platte „Fuck The System“ dem Genre doch versöhnlicher gegenüber als man es erwarten würde. Büsser begann seine Schreiberkarriere immerhin beim ZAP-Fanzine und konsequenterweise sind viele der in „Für in immer Pop“ versammelten Texte eben dort her. Einige Seitenhiebe gegen das Ex-Fanzine Spex, Grahlshüter der intellektuellsten Pop-Rezeption, sind auch zu verzeichnen. Nein, seine Welt war das nicht, obwohl er dort bestanden hätte. Erst in seine späten Texte schleicht sich ein verstärkter Kulturpessimusmus ein.

Dementsprechend ist auch Martin Büssers Schreibstil. Statt überinterpretierender wulstiger Sätze eine stets klare Sprache. Statt verschriftlicher Masturbation auf das eigene Expertentum und dem im Studiengang kulturwissenschaften erworbenen Spezialwissen immer nah und nachvollziehbar am Gegenstand. Statt größtmöglicher Distanz auch immer Fan bleiben (so heißt auch ein Kapitel). Und am Wichtigsten: Statt langem Rumgerätsel und Rumgeschreibe, was uns beispielsweise Tocotronic denn jetzt wieder damit sagen wollen, stellt Büsser ungeschliffen über die Indie-Boygroup der Neunziger, die er mit Take That vergleicht, fest: „Ja, doch, drängt sich beim Hören und Bildchen-Blättern auf: Ich möchte Dirk von Lowtzow einen blasen!“

Erstaunlich ist, wie aktuell selbst die frühen Texte sind. Vor einem Interview mit Dave Grohl von Nirvana oder seinem „Abschied“ vom Zap kritisiert Büsser den Zustand und die Mechanismen der Musik- und Kulturindustrie und der Musikpresse, die heute als völlig normal erscheinen, wie beispielsweise das Abhalten von langen Promo-Interviewsessions vor der nächsten Platte oder Tour. Und an manchen Stellen wird es sogar prophetisch. Welche Richtung Popstar Xavier Naidoo einschlagen würde, wusste Martin Büsser schon 2002, lange bevor der Mannheimer sich zuerst im Frühstücksfernsehen und später vor dem Kanzlerinnenamt heroisch mit der BRD GmbH anlegte und auf Platte schwul uncool findet. Und prangerte er auch früh Sexismus und Machotum innerhalb der Szene und auch an ihren Säulenheiligen (wie Henry Rollins) an, als die meisten dafür noch nicht sensibilisiert waren und Riot Grrrl in Deutschland noch kaum Spuren hinterlies.

Büsser war eben auch immer hochpolitisch. Auch daher bleibt nach dem Lesen von „Für immer in Pop“ ein leicht bitterer Beigeschmack. Gerade heute im Angesicht einer sich abzeichnenden Kulturrevolution von Rechts und einer neuen Welle deutschelnder Belanglosigkeitsmusiker*innen, bräuchte es einen Martin Büsser, der sowohl gegen die Identitären, Frei.Wild als auch gegen Forster, Giesinger und Co. anschreibt und sie auseinandernimmt. Der Posten bleibt vakant. Davon kündet auch das ebenfalls im Sammelband abgedruckte Manuskript von „Against Mainstrem“, ein Buch, dass Büsser niemals vollenden konnte.

Philipp Meinert

Martin Büsser: Für immer in Pop. Texte, Artikel und Rezensionen aus zwei Jahrzehnten. Ventil Verlag. Mainz 2018. 15.00 Euro.

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Foto: Ivo Schwenkart