Reviews

DaveDictorDer Literaturmarkt zum Thema Punk und Hardcore ist gerade im Wandel begriffen. Nachdem die ersten Werke der historischen Punk-Aufarbeitung seit den späten Neunzigern hauptsächlich Beschreibungen von Beobachtern waren, die auf Interviews mit den jeweiligen Szenegrößen beruhten, schreiben verstärkt die Ikonen und besonders Musikerinnen und Musiker ihr Leben selber auf. Allein in den letzten zwei Jahren veröffentlichten Billy Idol, Marky Ramone, Vivienne Westwood, Richard Hell und zuletzt John Doe und NoFX Autobiographien heraus. Johnny Rotten beschrieb 2015 bereits zum zweiten Mal sein Leben. Und noch dieses Jahr erscheinen die Erzählungen der Stooges, Laura Jane Grace und Keith Morris.

Nun hat auch Dave Dictor, Sänger der legendären MDC, was meist mit Millions of Dead Cops ausgeschrieben wird, mit „Memoir From A Damaged Civilization“ seine Geschichte vorgelegt.

kassierer haptischWie doch die Zeit vergeht. Zum 20. Jubiläum der Band schenkten sie die Kassierer selbst mit dem Album „Kunst“ eine Tribute-Platte, auf der sie unter anderem von Teilen der Ärzten, den Donots, Gunter Gabriel, Sondaschule und viele andere. Jetzt stand das 30. Jubiläum der Band an und damit mit „Haptisch“ das erste Best Of-Album der Wattenscheider.

DDM Sick of this shit DDM sind ein HipHop-Elektro-Rap-Duo aus Mailand und San Francisco, welche jetzt in Berlin beheimatet sind und mittlerweile schon ihr viertes Album raus gehauen haben. Die Musik ist nicht übermäßig flott, besitzt aber dennoch genug Beat um nicht einfach nur daher zu plätschern. Das ist kein Zeckenrap oder Hip Hop wie er öfter im AZ oder JuZi oder auf Demos gespielt wird, sondern tatsächlich smoother, angenehmer Rap.

dv hund das discographie tape Uff, 27 Lieder. Eins gefühlt länger als der Andere. Manchmal erkenne ich ganz gute musikalische Anleihen in Richtung KNOCHENFABRIK, dann nerven die Soli wieder dermaßen, dass ich echt Ohrenbluten bekomme. Dazu ist der Gesang einfach unerträglich bis belanglos. Dv Hvnd sind die Deutschpunkband, die im JUZ als Vorband für 2 bis 3 Stunden auf der Bühne stehen und den Sound zum Besäufnis und Rucksackpogo spielen. Ohne eine Aussicht auf eine Besserung.

[Last Exit Music]

genpoolpartyHC Roth kommt aus Österreich, veröffentlicht seine Romane aber auf Deutsch. „Kennen gelernt“, wenn man das so sagen kann, haben wir uns in einer Facebook-Gruppe, die sich hauptsächlich mit Trash-TV-Produktionen beschäftigt. Der junge Mann hat also scheinbar meinen Geschmack.

Der überzeugte Wursthaarträger teilt sich glücklicherweise nur das Namenskürzel mit dem Chef der FPÖ. Lesern der Fachpresse ist er mutmaßlich als Stammschreiber im OX-Fanzine bekannt. Seit einigen Jahren schreibt er auch Romane, zuletzt "Genpoolparty", der nun vor mir liegt. Besagte Zugehörigkeit zu jener Facebook-Gruppe ist schon mal eine gute Referenz.

Angefangen bei den Äußerlichkeiten fällt die Cover- und auch Innengestaltung umgehend positiv auf, die AKU! übernommen hat, der unter anderem die frühen Pascow-Flyer illustriert hat. Das bringt schon einmal ein paar Haken auf der Punkrock-Checkliste. Doch auch der Inhalt dürfte dem literatur-affinen Teil der Szene ganz gut gefallen.

handschuhEins habe ich mit dem Frauenmörder Fritz Honka, der die Hauptfigur des neuen Romans von Heinz Strunk ist, gemeinsam: Wir waren beide schon mal Gäste in der verruchten Absturzkneipe „Der Goldenen Handschuh“ auf St. Pauli. Ich jedoch nur einmal - Honka vor 40 Jahren hingegen viel zu oft.

Vor einigen Jahren und damit lange bevor mir die Hintergrundgeschichte dieser kleinen Kneipe auf bekannt war, besuchte ich einen ehemaligen Arbeitskollegen in Hamburg. Der wollte mir eine typische Kneipe jenseits der Touri-Magneten auf St. Pauli zeigen. So landeten wir schließlich in eben jenem „Handschuh“.

Es war nicht (mehr) so abgewrackt, wie ich es nach den Beschreibungen meines Bekannten erwartet habe. Die Kneipe war recht leer, einige offensichtliche Stammgäste klebten seit einer gefühlten Ewigkeit am Tresen und eine Dame mittleren Alters tanzte angetrunken und erotisierend zu den Klängen einer alten Jukebox. Die Stimmung war friedlich – trotzdem war ich angespannt, da ich fürchtete, dass bei einer falschen Geste oder einem falschen Blick alles sofort kippen könnte. Im Gegensatz zu Fritz Honka bin ich auch nicht wieder gekommen.

Ich gebe ja zu, ich habe sie nie wahrgenommen. Klotzs waren immer nur die ungehörte Seite der Splitsingle mit EA80. Während die Scheibe ihre Runden bei mir dreht, reift das Bewusstsein, es war ein Fehler. Musikalisch spannt das Duo aus Siegen einen breiten Fächer zwischen Punkrock, leichten Noiseelementen und gefühltem Art- und Stonerrock auf. Texte, die perfekt mit dem Sound harmonieren und eine musikalische Einheit bieten. Ob das nun Tiefgang hat oder einfach nur schön zu empfinden ist, mag ich gar nicht beurteilen. Ich fühle mich bei ‚N8schwärmer‘ und ‚Hinweis in eigener Sache‘ eher an Romantik erinnert. Der Rückbezug auf das eigene Ego und das gelebte – wünschenswerte? – Leben ist allgegenwärtig, denn das andere ist fern (M. i. A.) und soll es auch bleiben (‚Blender‘). Das ist düster und harmoniert dennoch mit dem hellen reduzierten Coverartwork mit Silberdruck. Es ist halt sehr schön. (Major Label)

Morder Boah, geiler Scheiß! Das ist (Neo-)Crust wie er klingen muss. Volles Brett Geballer, mit angenehmen Geschrei/Gesang und dennoch kein lahmes Gegrunze oder einfach nur Geschredder. MØRDER machen einfach alles richtig und laden dazu ein den Verstärker auf volle Lautstärke zu stellen. Das ist Crust mit Melodie und eingängigen Riffs. Im Begleitscheiben steht noch irgendwas von Metal, den höre ich zum Glück nicht raus. Die Jungs und die Dame sind keine ganz Unerfahrenen mehr und haben bereits vorher in diversen Bands gespielt, allerdings ist der Sound von MØRDER doch nicht damit zu vergleichen. Daher lohnt ein name dropping in dieser Hinsicht kaum.
Auf der LP sind 12 Songs und tatsächlich lohnt sich jeder davon. Für Freunde von FROM ASHES RISE, LIES FEED THE MACHINE, FINISTERRE oder BEHIND ENEMY LINES durchaus zu empfehlen.
[JanML Records/Maja von Lobeck]

rummelasbach cover 600Wenn man in Berlin lebt, hat man manchmal das Problem nicht einschätzen zu können, ob es sich bei hiesigen Pop-Phänomenen um eine lokale Erscheinung handelt. Manche Künstler lassen sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen kaum über die Stadtgrenzen exportieren, während sie in der Hauptstadt zum Inventar gehören und hier die Läden vollmachen. Ich glaube, dass es bei Rummelsnuff ähnlich ist. Zumindest spielt er außerhalb der Hauptstadt laut Tourplan viel kleinere Läden als daheim. Besser gesagt fürchte ich es, denn er hätte deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient und es ist zu hoffen, dass dies spätestens mit dem neuen Album eintritt.

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