Ich war diese Jahr beim Back to Future Festival, was ja all diejenigen, die die aktuelle Bombe schon in der Hand hatten, mitbekommen haben.
Leider gab es ja Probleme mit den Besucherzahlen, obwohl das Festival an sich total großartig war und von der Organisation her sicher nicht zu wünschen übrig ließ.
Ich habe Daniel, einem der beiden Veranstalter ein paar Interview-Fragen zukommen lassen um mal ein wenig mehr über die Arbeit hinter den Kulissen eines großartigen DIY-Festivals zu erfahren. Es lohnt sich wirklich zu lesen, da Daniel recht offen erzählt, wo seiner Meinung nach die Stärken und Schwächen des Festivals liegen.....und was für die Zukunft noch in Planung ist. Vor allem die Frage aller Fragen: Wird es nächstes Jahr ein Back to Future geben?

PB: Stellt euch/dich mal kurz vor, mit wem kommuniziere ich denn eigentlich?
Daniel:
Deine Fragen beantwortet dir Daniel. Es gibt zwei Organisatoren für`s BTF, die auch die vollständige und gleichberechtigte Verantwortung für das Festival tragen. Der andere Mitveranstalter heißt Holm. Zusammen bringen wir es sicher auf 45 Jahre Punkrock-Erfahrung, grins.
Im Moment hat er aber andere Verpflichtungen, er ist Chefkoch der Backstage-Catering-Crew von SUBWAY TO PETER beim Force Attack...das FA ist für Holm gleichzeitig eine Premiere, teilweise nachvollziehbar.

PB: Wer ist die Organisationscrew (also wie viele Leute machen die
Kernarbeit), gebt ihr Jobs an feste Gruppen ab (Kochen im Backstage etc.) und wer saß an der Tür (waren das Freunde oder `ne Securitygruppe) und wie viele Leute helfen so insgesamt mit?
Daniel:
Zur unmittelbaren Organisationscrew im Vorfeld gehörten dieses Jahr 6 Leute mit unterschiedlichen Aufgaben. Neben uns hatte erstmals Rico G. beim Booking seine Finger im Spiel, dann gibt`s noch  Retsch, verantwortlich für die Flyer-/Plakatgestaltung und die verschiedenen Anzeigenlayout`s. Nicht „nur“ logistisch unterstützt wurden wir schon im Vorfeld von Rene` und Tilo.
Soweit unsere Namen, die eh keine Sau interessieren.
Vor Ort werden dann jede Menge freiwillige HelferInnen benötigt, die folgende Aufgaben übernehmen: Aufbau,  Wolkenschieber (haben dieses Jahr einen suuuper-Job gemacht), Ausschilderung, Einlass, Getränkeverkauf (die beste Crew oder das trinkfreudigste Publikum der Welt!),  Band-Schuttleservice (Flughafen), Bandbetreuung, Bühnen-Crew (zwei Bühnen), teilweise Geländeabsicherung, Reinigung und lecker Abbau. Es sind gesamt so an die 50 Helfer im Einsatz.

PB: Wie lange dauert es, den ganzen Kram organisiert zu kriegen?
Daniel:
Die ersten Flyer sind im Dezember unter`s Volk gestreut worden. Da dort bereits der Großteil des schlussendlichen Line Up`s schon draufstand, war Booking-Start für uns im September...das heißt nach dem Festival ist vor dem Festival. Ab Januar kommt neben der Werbung der ganze logistische Kram hinzu; sprich Behörden, Angebote für Dies und Das einholen etc..

PB: War es denn irgendwann mal euer Traum, vom BTF zu leben? Oder sollte es
immer eine familiäre Veranstaltung unter 3000 Gästen bleiben, die im
optimalen Fall die Kosten deckt und ihr euch vielleicht auch Einiges an
Idioten erspart?
Daniel:
Angefangen hat alles bei mir mit `ner Open Air-Veranstaltung 1996, da wollte ich zum ersten Mal im damals veranstaltungsarmen Sachsen was für die örtliche Szene organisieren. Dass dann ca. 2.500 Leute aus der ganzen Republik vor Ort waren, hat mich selbst überrascht. Mit Bands wie OXYMORON, TERRORGRUPPE, HAMMERHEAD, PUBLIC TOYS, RAWSIDE, BAMBIX, STAGE BOTTLES, ZUSAMM-ROTTUNG  u.v.a.  haben wir den Zahn vieler Freaks getroffen.
Da dann Behörden, Gemeinden und BILD-Zeitung gegen die Veranstaltung Amok liefen, war eine reibungslose Organisation im Vorfeld nicht mehr möglich und eine endgültige Genehmigung gab`s erst drei Tage vor dem Event und das auch noch auf einem anderen Gelände, somit war der Ablauf etwas chaotisch. Nach der Veranstaltung war das Festival eine Woche Thema in der Lokalpresse, Ziel erreicht!...somit aber eine Wiederholung im Folgejahr nicht möglich.
Das kurz als Vorlauf, zu dem damaligen Zeitpunkt hätte sich die Veranstaltung ähnlich wie das Force Attack entwickeln können, nur haben wir niemals einen Gedanken daran verschwendet damit Geld zu verdienen, es war eine Sache von Punk`s für Punk`s . Das BACK TO FUTURE startetet später mit der gleichen Philosophie. Organisatoren waren wir, offizieller Veranstalter war ein örtlicher Kulturverein, der dann auch den erzielten Gewinn einstrich.

PB: Wie viele Gäste waren denn nun unterm Strich da?
Daniel:
Zu wenige.
PB: Wie viele hättet ihr denn gebraucht, um locker alle Kosten decken zu können?
Daniel:
Einige Hundert mehr.
(anm: Ich hab nochmal nachgefragt, er wollte wirklich keine Zahlen raus rücken...)

PB: Woran lag es denn eurer Meinung nach, dass so wenig Leute den Weg zu
euch gefunden haben?
Daniel:
Am Line Up, das nicht „massenkompatibel“ war, vielleicht konnte der/die Eine oder Andere mit der  exklusiven Bandauswahl wenig anfangen. Die Wetterprognose tat sicher  ihr Übriges.
Es lag keinesfalls an der Werbung, der Anzahl und Qualität der Bands, der Ausschilderung, der Qualität und dem Preis des Bieres.

PB: Welche Bands wären noch "wichtig" gewesen um mehr Leute zu locken?
Daniel:
Das war nicht ganz so ernst gemeint, was sind „massenkompatible“ Bands und wer braucht die noch? Es ist traurig, dass sich Leute auf 4-5 Bands einschießen, die teilweise ihren Zenit längst hinter sich haben, dabei gibt es jede Menge Bands auf dieser Welt, die mehr „kick ass“ sind als manch große Namen...nur kennt die das gemeine Volk nicht und wird sie großteils auch nicht kennen lernen.
Dass ein allgemeiner Besucherschwund zu verzeichnen ist, haben dieses Jahr auch andere Festivals erfahren dürfen...dennoch kommen besagte Festivals mit den diesjährigen Besucherzahlen auch super über die Runden.

PB: Eine finanziell intime Frage: Habt ihr euch komplett verschuldet oder musstet ihr die Gagen kürzen?
Daniel:
Komplett verschuldet sind wir in Deutschland seit Geburt an, auch im Osten.
Klar ist das Spiel nicht aufgegangen, aber durch private Einlagen im Vorfeld konnte jede Band ausgezahlt werden.

PB: Haben alle Bands auf die Gage bestanden oder sind manche runter gegangen? Daniel: Es gab vereinzelte Bands, die uns entgegenkamen aber eine im ganz Besonderen! Man sollte das aber nicht nur an den Gagen festmachen, die sind bei so `nem Event nur ein Teil der Kosten. Die  anderen Rechnungen flattern meist nach der Veranstaltung rein und dort gibt es teilweise Partner, die uns zeitlich entgegenkommen und genau das ist wichtig und erwähnenswert. Die sehen, dass wir uns bemühen und geben uns einen zeitlichen Aufschub ohne uns das Licht auszumachen, das ist  teilweise mehr Solidarität als manchmal aus der „Szene“ kommt.

PB: Oder macht ihr inzwischen keine Festgagen mehr?
Daniel:
Bei der Anzahl der Bands kannst du nur Festgagen vereinbaren, da wir aber auch mit `nem Teil der Bands befreundet/bekannt sind, läuft das im beidseitigem Interesse. Das BTF ist nun mal ein super organisiertes Festival und die Bands fühlen sich wohl bei uns. Nicht umsonst haben wir jährlich über hundert Bewerbungen aus In-und Ausland. Selbst Peter von den Test Tube Babies hat sich dieses Jahr per Mail beworben, dann hast du eine ganz andere Verhandlungsbasis, weil die bei uns spielen wollen.
Es sind aber eher Ausnahmen, dass wir Bands aus Bewerbungen berücksichtigen...auch wir haben unseren eigenen Musikgeschmack und den erkennt man dann oft im Line Up wieder. Vielleicht aus „unternehmerischer“ Sicht nicht ganz nachvollziehbar aber dafür 100% ehrlich!

PB: Wie kommen Ami-Hardcorebands im Osten an? ...Denkt ihr, es ist mittlerweile unumgänglich, doofe Bands wie Krawallbrüder oder Pöbel&Gesocks einzuladen, um Leute zu ziehen?
Daniel:
...scheinbar nicht so toll, aber es sind auch keine Hardcore-Bands, wir stehen auf Punkrock!
Mit Bands wie AGAINST ME!, ADOLESCENTS, FREEZE, SNFU etc. leisteten wir gern Entwicklungsarbeit für den Osten, das wird aber sicher noch dauern bis unser „Geschmack“ Früchte trägt, schauen wir mal wie es zwei Generationen später ausschaut...Ost und West soll doch zusammenwachsen, vor allem in den Köpfen (grins).
Wenn es nach uns gehen würde und wir die finanziellen Möglichkeiten hätten, würden wir dies gern ausweiten, mit RANCID, SWINGIN`UTTERS, ZERO BOYS, GERMS u.a. stehen bzw. standen wir schon in Kontakt.
Auf deine zweite Frage gehe ich kurz ein, ich denke, dass PÖBEL&GESOCKS damals unter BECK`S  PISTOLS mit ihrer gleichnamigen LP einen Meilenstein des Deutschpunks zementiert haben,  musikalisch wie auch textlich. Nicht ohne Grund „LP des Jahres“ im legendären ZAP!
...alles was von ihnen danach kam, nicht der Rede wert...aber Grund genug den rehabilitierten Willy W. letztes Jahr zum BTF einzuladen.
Ich denke alles andere wurde von mir vorher schon zum Ausdruck gebracht. Andere Festivals dürfen sich gern für das liebe Geld mit Bands aus der „Grauzone“ schmücken.

PB: Oder steht das Festival wettermäßig unter so `nem schlechten Stern, dass
die Leute kein Bock haben?
Daniel:
Das ist mit Sicherheit auch eine Theorie, wenn du dir nach jedem BTF ein neues Zelt zulegen musst, hast du keinen Bock mehr, außer du stehst drauf.
Viele bekannte Gesichter haben dieses Jahr gefehlt, die im Vorfeld ihr 100%-iges Kommen bekundet haben. Dies ist sicher mit den Unwetterwarnungen zu erklären, paar Kilometer weiter wurden zu dem Zeitpunkt Keller ausgepumpt und verschwanden Häuser im alten Tagebau.

PB: Wie schätzt ihr denn die Entwicklung ein, dass viele Leute nur noch zu
den "großen" Punkfestivals fahren? Sind die anders/besser organisiert?
Daniel:
Das BTF gehörte mit mehr als 3.000 Besuchern auch mal zu den „Großen“. Zwei Umzüge des Festivals und dann fern unserer unmittelbaren Heimat taten ihr Übriges. Es ist bei der heutigen erlebnisorientierten Jugend so, dass nicht unbedingt Qualität sondern Quantität lockt. Den Masseneffekt gibt es auch in unsere sogenannten Szene, traurig aber war. Punkrock steht schon lange nicht mehr für Individualität und Spontanität. Diese Szene unterscheidet sich nur noch unwesentlich vom Mainstream, hab ich das Gefühl. Äußerungen wie „das BACK TO FUTURE ist out“, sprechen da eine eindeutige Sprache. Diese Person hätte mal lieber den Arsch nach Dessau bewegen sollen und wäre Bestandteil einer intensiven, stressfreien Party mit absolut fitten Leuten gewesen.

PB: Würde das Festival besser funktionieren, wenn es irgendwo zentraler in
der BRD stattfinden würde, nicht so weit im Off?
Daniel:
Eigentlich ist Dessau schon ziemlich zentral gelegen und hat auch beste Anbindungen.
Da aber ein Großteil der Besucher aus dem Westen und teilweise dem Ausland (Israel, Norwegen, Schweiz, Österreich, Holland, Tschechien) kam, wäre es schon eine Überlegung das BTF westlicher oder südlicher zu verlagern, ist aber logistisch und werbetechnisch nur schwer zu bewältigen.
Einige unserer Helfer und Freunde aus dem Westen haben uns aber schon zu verstehen gegeben, dass das Festival in anderer Region 2.000 Besucher und mehr gebracht hätte.
Im März veranstalten wir in Karlsruhe das zweite Freak`N`Art-Festival, das zeigt, dass dies nicht unmöglich ist...geht aber nur in Zusammenarbeit mit Top-Leuten aus der Region.

PB: Welche Veranstaltungen macht ihr/du denn noch so (das mit Karlsruhe hast
du ja schon gesagt)?
Daniel:
Neben dem BTF gibt es übers Jahr verteilt noch paar Clubgigs in unserer Region und dann halt seit diesem Jahr das FREAK`N`ART-Festival in Karlsruhe. MIT KNOCHENFABRIK, PASCOW, SUPERNICHTS, 2ND DISTRICT, unseren Freunden aus Mülheim/Ruhr und anderen Freaks und Bands war das FNA dieses Jahr ausverkauft.
Dies wollen wir am 05./06.03.2010 natürlich wiederholen, zumal es für Besucher und Crew ein wirklich unvergessenes Erlebnis war. Die Zusammenarbeit der Crew aus Ost und West hat verdammt viel Spaß gemacht und alle Beteiligten freuen sich schon wieder auf diesen Termin.

PB: Hattet ihr in den letzten Jahren eigentlich Probleme mit Nazis?
Danie:
Nicht direkt mit unserem Publikum. In der Aufbauphase vor 2 Jahren in Pouch wurde die Zugangsstraße zum Gelände und unser Einlaßwagen nachts mit Hakenkreuzen von der örtlichen Dorfjugend besprüht.

PB: Wie haltet ihr die fern, hat das was mit der Bandauswahl zu tun/habt ihr
im Vorfeld Statements abgegeben?
Daniel:
Unsere Bandauswahl ist für die Blindgänger unattraktiv, somit brauchen wir auch keine antifaschistischen Logos explizit auf Homepage, Flyer, Plakaten, Scheisspapier etc., wie man es von  manch ach so antifaschistischen Veranstaltungen kennt, die Angst haben, dass sich so `ne Birne im Suff mal outet.

PB: Wird es nächstes Jahr nochmal ein „Back To Future“ geben?
Daniel:
Mal schauen, wir denken schon...sonst wüssten wir gar nicht für was wir arbeiten gehen und würden in unserer Freizeit nur auf dumme Gedanken kommen.

PB: Wo?
Daniel:
Ist noch ein Geheimnis.

PB: Und was habt ihr euch als Verbesserung vorgenommen?
Daniel:
Lieb zum Wettergott zu sein, damit er uns auch mal eine ganze Woche mit Sonnenschein berücksichtigt. Ansonsten gab es vom anwesenden Publikum dieses Jahr nichts auszusetzen,
nur Schulterklopfen für eine saucoole Party mit saucoolen Leuten.
Organisatorisch gibt es eigentlich auch nix zu verbessern, die Abläufe stehen und werden von unserer super Crew auch prima umgesetzt.

Zum Abschluss: Straße der Besten bzw. Bands, die schon beim BTF gespielt haben:
Abwärts, Adolescents, The Adverts, Against Me!, Angelic Upstarts, The Bones, The Boys, The Briefs, Broilers, The Business, The Damned, Dead Kings, Deadline, Demented Are Go, Dr. Ring Ding, Evil Conduct, The Freeze, GBH, Hammerhead, The Kids, King Khan & His Shrines, Knochenfabrik, Die Lokalmatadore, Long Tall Texans, Mad Sin, Mark Foggo & The Skasters, Meteors, Miozän, Molotow Soda, The Movement, Oxymoron, Pascow, Peacocks, The Peepshows, Peter Pan Speedrock,  P&TTTB, Public Toys, Queers, Rawside, Ratos De Porao, Real McKenzies, Red London, Skarface, Slackers, Smoke Blow, SNFU, Stage Bottles, Terrorgruppe, Toasters, Troopers, Turbo AC`s, Walter Elf u.v.a.

Vielen Dank!!!! Ronja