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The Flexftz aus Rostock ist die einzige mir bekannte Punkband, die zur Deutschtümelei der letzten WM einen Song geschrieben hatte. „Kein Punkt für Deutschland“ hieß er, das Video ist immer noch sehenswert. Martin, Mika und Jong positionierten sich auf ihrer ersten Platte „Abschied von der Illusion“ (2014) auch gegen Männlichkeitsgehabe. Im Juni 2017 erschien nun ihr zweites Album „NEBEL|LEBEN“. Einige gute Gründe, die Band zu interviewen.

Promophoto 0517 3 Christoph Trabert Photographie

Hallo, The Flexfitz! Wie seid ihr dazu gekommen, die Band zu gründen?

Das war so ne Suff-Idee von Jong. Der wollte als Drummer mit zwei Freundinnen 'ne Rumpelpunkband mit dem Namen „Nahkoterfahrung“ gründen. Martin sollte ihm eigentlich nur den Proberaum zeigen und ein bisschen Schlagzeugnachhilfe geben. Jong wollte sein Elektro-Projekt (Jång) zu 'ner Punkband umkonzipieren – das war aber schließlich 'ne ganz blöde Idee ;)


Am Ende blieb er lieber bei Gitarre und Gesang und Martin an den Drums – dafür aber mit mehr Enthusiasmus. So haben wir zu zweit angefangen ein paar Songs zu proben, und Mika ist dann dazugekommen, als es ernster wurde. Wir alle haben seit der Jugend Erfahrungen aus Punk-, Hardcore- und Death-Metal-Bands, die sich aber alle über die Jahre im Sand verliefen. Von manchen Einflüssen ist da nicht ganz so viel geblieben. Dafür hatten wir alle Bock endlich wieder regelmäßig Musik zu machen.

 

Ein von euch anfangs häufig benutzter Konzertflyer sah nach „Abschied von der Tristesse“ aus. Er zeigte eine graue Plattenbau-Landschaft. Gab es einen Bezug zum abgebildeten Gebäude?

Der Wohnblock auf dem Foto befindet sich in der vorpommerschen Kleinstadt Grimmen. Es ist der Blick aus Mikas früherem Zimmer bei den Eltern. Dieser Plattenbau ist der letzte am Stadtrand. Dahinter findet man nur noch die Landstraße, den Acker und dann auch schon die nächsten Dörfer. 2014 waren in diesem Wohnblock auch Geflüchtete untergebracht worden. Dass diese sich zusammen mit vorrangig prekarisierten Menschen die Tristesse eines fast leer gezogenen Blocks am Stadtrand teilten, war dabei eine Momentaufnahme ernüchternder sozialer Wirklichkeit in Vorpommern.
Andererseits: Mika ist 21 Jahre lang im Plattenbau groß geworden und Jong wohnt in Rostock heute ebenso in der Platte. Es lässt sich in den Häusern auch wunderbar leben – diese gängigen Vorurteile gegenüber Plattenbauten an sich sind zu kurz gedacht. Letztlich sind es die Menschen, die gegebenenfalls abscheulich sind, nicht die Häuser, in denen sie wohnen. Und ob in Rostock oder Vorpommern: menschenfeindliche Einstellungen erwachsen nicht nur in der Platte, sondern genauso in den Doppelhaushälften, den Bürgerhäusern der Altstadt oder den Rathäusern – unterschiedlich ist meist nur, wie sie formuliert werden.

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Im Grunde ist das Bild ein Ausdruck dessen, dass wir wissen, wo wir herkommen. Und so trostlos es dort auch sein mag, kann man das nicht völlig vergessen und versucht entsprechend, Menschen vor Ort zu unterstützen, so weit es geht. Gerade die Trostlosigkeit ist ja auch ein entscheidender Antrieb, Musik zu machen.

Das Cover eures neuen Albums „NEBEL|LEBEN“ erzeugt eine ähnliche Stimmung. Es zeigt aber keine Kleinstadt-Umgebung, sondern karge Natur – einen blätterlosen dürren Baum in einem Gebirge, in dem der Nebel den Himmel verdeckt. Wo ist das Bild entstanden? Ist die Aussage dahinter „Weltflucht in die Berge bringt auch nix“, oder warum habt ihr das Motiv genommen?

Cover Album 2 kl

Der Titel unseres neuen Albums war die letzte große offene Frage am Ende der Aufnahmen. Schlussendlich haben wir uns für einen „Kunst-Kniff“ mit dem Palindrom aus NEBEL und LEBEN entschieden. Da mag man sich fragen „Is’ dat noch Punk?“ – aber so 100% Punk wollten wir vielleicht auch nie sein… Da uns ein Gesamtkonzept von Inhalt und Form wichtig war, haben wir für das Cover entsprechend nach einem ausdrucksstarken Bild für das „Kunstwort“ NEBEL|LEBEN gesucht. Schließlich zeigt es eine Gebirgsansicht der Pyrenäen. Zum einen zeigt es den Nebel, aber auch das (fragile) Leben durch die Bäume. Der Baum im Vordergrund ist gekennzeichnet von Naturgewalt, aber auch von einem Banner, das sich in seinen Ästen verfangen hat. Ein Schauplatz vergangener menschlicher Schicksale vielleicht? Wir wollen das nicht bis ins Letzte ausdeuten. Aber den Verweis auf unseren Song „Passagen“ können wir euch dazu mitgeben.

Ihr habt ja auch ein Mitglied in der Band, das sich freiberuflich als Kameramann viel mit (bewegten) Bildern beschäftigt, im „Medienkollektiv Manfred“ aktiv war und Bands mit der Kamera auf Tour begleitet. Jong, erzähl mal bitte was zu deinen Film-Aktivitäten.

J: Schon bevor wir begonnen haben, gemeinsam Musik zu machen, habe ich mich viel mit dem Filmen beschäftigt. Damals noch vor allem aus politischen Zusammenhängen heraus im Medienkollektiv Manfred. Das waren hauptsächlich Beiträge von Aktionen, Interviews, Konzertmitschnitte und Mobi-Videos.

Mittlerweile hab ich mich auf „Kamera“ spezialisiert und drehe hauptsächlich Spielfilm und Musikvideos. Das ist tatsächlich ähnlich wie in einer Band zu spielen. Am Anfang reißt man sich für alles den Arsch auf und hofft, dass man nach etlichen Jahren ein bisschen was zurückbekommt. Das ist zum Glück bei mir der Fall gewesen, und ich kann seit ein paar Jahren von meiner Arbeit als Kameramann leben. Seit diesem Jahr gibt es auch ganz offiziell die „Von Anfang Anders Filmproduktion“ (www.vonanfanganders.de), die ich mit meinem sehr guten Freund und Regisseur Max gegründet habe.

Aktuell hast du sogar ein Kinoprojekt namens „Kahlschlag“ vor, einen Thriller, der in Mecklenburg-Vorpommern spielt. Wie kam es dazu?

Schon als Max und ich 2014 den Kurzfilm „Zuhause“ gedreht haben, scherzten wir immer, dass wir einen Kinofilm drehen, wenn der Kurzfilm gut wird. Tatsächlich lief alles ziemlich gut. Seitdem sind fünf gemeinsame Kurzfilme und diverse Musikvideos für Feine Sahne Fischfilet, Egotronic, Waving The Guns uvm. entstanden. Jetzt ist es an der Zeit, einen Schritt nach vorn zu machen und sich an die 90 Minuten zu wagen.

Der Film heißt, wie du schon erwähnt hast, „Kahlschlag“. Darin geht es um zwei beste Freunde, die ein letztes Mal zum gemeinsamen Angeln an den Stausee fahren. Durch verschiedenste Vorkommnisse ist die Freundschaft jedoch in der Vergangenheit auseinandergegangen, und die Situation entwickelt sich nach und nach zu einem spannenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Freunden. Es geht aber um viel mehr als Freundschaft. Die Kontraste zwischen Stadt und Land, raue Gewalt und eine typisch norddeutsche Mentalität sind genauso Bestandteil von „Kahlschlag“.

Wie viel Zeit und Kohle braucht es, um so einen Film zu realisieren? Fällt für Nachwuchstalente viel Geld aus den großen Töpfen ab, oder wie setzt ihr das Ganze um?

Am Drehbuch arbeiten wir jetzt seit über einem Jahr und sind nun bei der sechsten und wohl auch letzten Drehbuchfassung. Die Idee war aber schon länger da. Wir haben in den letzten Jahren viele Freunde durch unsere Projekte dazu gewonnen, die sich jetzt durch Sponsorings an „Kahlschlag“ beteiligen oder Positionen am Set und Drumherum besetzen. Ohne dieses unglaubliche Maß an Eigenleistungen wäre so ein Nachwuchsprojekt gar nicht produzierbar. Wir bekommen zum Glück eine gute Summe von der kulturellen Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern und vielen privaten Spendern. Derzeit läuft auf Startnext auch eine Crowdfounding-Kampagne (www.startnext.com/kahlschlagfilm). Das ist aber leider noch weit unter den Budgets aktueller Spielfilmproduktionen.
Hier liegt aber auch eins der großen Probleme in der Filmförderung, denn oft sind die Förderbedingungen vieler Förderanstalten streng und schwierig zu erfüllen. Besonders für junge Leute die ohne ein Filmstudium in diesem Bereich tätig sein wollen. Das führt auch dazu, dass Hunderttausende Euros an sowieso finanziell gut abgesicherte „Til Schweiger-Produktionen“ gehen und der Nachwuchs oft leer ausgeht. Wir hoffen, dass „Kahlschlag“ als ein guter und spannender Thriller auch Möglichkeiten für zukünftige Filmprojekte öffnet. Einige weitere Filmideen haben wir schon in der Pipeline.

16640543 703529189827350 2096851507970309197 nVon der Kunst zurück zur Realität: Der alte Plattenbau-Konzertflyer hatte bei mir auch Assoziationen an die Pogrome von Lichtenhagen geweckt. Wie würdet ihr die Erinnerung der Stadt Rostock an die damaligen Mordversuche und an Mehmet Turgut beschreiben, der 2004 von NSU-Mitgliedern ermordet wurde?

Ganz allgemein gesagt als unbeholfen und auf das städtische Image fixiert. Die Menschenfeindlichkeiten wie Rassismus und Antiziganismus werden hier erst spät beim Namen genannt. Insbesondere in Bezug auf Lichtenhagen wurden lange die „armen Wendeopfer“ in Schutz genommen, die angeblich nicht anders konnten, als ihre konformistische Revolte in Mordlust auszuleben. Die Perspektive der Opfer von 1992 stand da immer hinten an. Genauso wie es in der Stadtgesellschaft kaum ein Bewusstsein dafür gibt, dass 1992 auch viele Antifas versuchten, ihr Möglichstes gegen das Pogrom zu unternehmen und von den Cops aufgehalten wurden, die den deutschen Mob schützten.

Wer glaubt, die Stadt hätte spätestens nach ihrem missglückten Lichtenhagen-Gedenken 2012 daraus gelernt, wurde in Hinblick auf das Gedenken an Mehmet Turgut enttäuscht. Es dauerte in Rostock über zwei Jahre, bis ein Gedenkort entstehen konnte – länger als an jedem anderen NSU-Tatort. Und die Diskussionen um das Gedenken waren rassistisch aufgeladen. Karina Jens (CDU), damalige Bürgerschaftspräsidentin, hatte sogar immer wieder zum Thema gemacht, dass Mehmet Turgut keinen Aufenthaltstitel in Deutschland hatte und „illegal“ hier gewesen sein. Er sei ja „kein Rostocker gewesen“ und sie sähe deshalb Schwierigkeiten für ein Gedenken. Mehmet Turgut war tatsächlich das einzige NSU-Opfer mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus und ist (wie sein Bruder immer betont) auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland gekommen – gewissermaßen auf der Flucht vor Perspektivlosigkeit in der Ost-Türkei. Aber manche Teile der Stadtgesellschaft wollen wohl bis heute nicht allen Menschen ihre mehr als berechtigten Hoffnungen zugestehen.
Es war wirklich schockierend, dass im Gedenkdiskurs zu einem rassistischen Mord selbst noch rassistische Argumente vorgebracht wurden. Der jetzige Gedenktext an dem Mahnmal in Toitenwinkel nennt schließlich auch weder Rassismus noch die Täterschaft des NSU beim Namen. Ansonsten stand der 25-jährige Jahrestag des Lichtenhagen-Pogroms an. Mit dem Projekt „Lichtenhagen im Gedächtnis“ hat hier die Zivilgesellschaft doch etwas mehr Deutungshoheit übernommen, während die Stadtoffiziellen sich im Vergleich zu 2012 deutlich zurückgezogen haben. Mit Lichtenhagen sind hier eben keine Stimmen im Wahlsommer zu gewinnen…

Steht eigentlich diese „Gedenk-Eiche“ wieder bzw. noch, die die Stadt Rostock zum 20-jährigen Gedenken vor das Sonnenblumenhaus gepflanzt hatte (und die zeitweise wohl mehr Polizeischutz bekam als die 1992 angegriffen Gastarbeiter*innen) – die aber 2012 kurz nach dem Aufstellen direkt von Antifaschist*innen gefällt wurde?

Neu angepflanzt wurde sie bislang nicht. Ein wenig scheint man sich wohl bewusst zu sein, dass man sich mit diesem Symbol zum Gedenken „vergriffen“ hatte. Andererseits bemerkte Karina Jens, von der ja eben schon die Rede war, einmal hämisch, dass der Stumpf der „Gedenk-Eiche“ in Lichtenhagen neue Triebe geschlagen hätte und sie dies als ein schönes Symbol empfindet.

Wir sehen darin ein düsteres Symbol. Denn ebenso fuhr die NPD in den letzten Jahren in MV eine knallharte Anti-Asyl-Kampagne. Es häufen sich wieder Angriffe auf Flüchtlinge und mit dem Pegida-Ableger „MVgida“, der hier von NPD und Kameradschaften durchsetzt ist, hatten wir fast wöchentlich Nazi-Demos in MV. Auch alles das sind die neuen Triebe, die Lichtenhagen nach über 20 Jahren schlägt. Zuletzt wurde von Neonazis wieder im Nordwesten Rostocks gegen muslimische Gebetsräume und eine Unterkunft für minderjährige unbegleitete Geflüchtete mobil gemacht.

Im Grund haben sich nur die Player der lokalen Neonaziszene etwas geändert. In jedem Falle ist aber weiter einiges an antifaschistischer Gartenarbeit nötig, um mal im Bilde zu bleiben.                                                                                                     

Ähnliches Thema: Im Sommer 2014 hattet ihr vor der damaligen WM den Song „Kein Punkt für Deutschland“ veröffentlicht. Was wolltet ihr damit erreichen und habt ihr das geschafft?

Eigentlich ist der Song ein Cover von Jongs altem Elektro-Projekt. Der hatte zur EM 2012 einen Song „Kein Bart für Deutschland“ in Anlehnung an eine damals verbreitete Rasiererwerbung herausgebracht. Passend zur WM 2014 haben wir uns gedacht, das Ganze neu aufzulegen und mal mit „Kein Punkt für Deutschland“ zu provozieren. Hat ja auch super funktioniert ;)

Das Video wimmelte von schluchzenden Trauerdeutschen, die ziemlich lächerlich wirkten. Warum war es euch wichtig, diese Bilder zu zeigen statt gewalttätige Deutschland-Fans?

Einerseits aus dem Spott heraus natürlich, den man für die ganzen schwarz-rot-gold bekritzelten Hanswürste hat. Die meisten von denen haben wahrscheinlich selten mal ein Fußballstadion von innen gesehen, sodass es denen ohnehin nicht um den Sport, sondern nur um die kollektive Selbstversicherung geht.

Andererseits trägt ein trauernder Deutschlandfan oft schon das Abscheuliche in sich. Diese Überidentifikation mit dem nationalen Kollektiv ist ja bereits gespenstisch genug. Millionen Tränen fließen, wenn elf Männer die Partie eines Rasenballsports verlieren. Die Unzufriedenheit damit stellt dann für den Mob nicht etwa diese peinliche Überidentifikation infrage, sondern wird auf alles projiziert, was sich diesem gleichmachenden schwarz-rot-goldenen Kollektiv entzieht.

Die Bilder erinnern an eine Beschreibung des „Leitfadens für britische Soldaten in Deutschland“ aus dem Jahr 1944. In dem lesenswerten Büchlein wird die deutsche Mentalität als „Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte“ beschrieben. Findet ihr die Einschätzung passend?

In gewisser Weise schon. Auf den Fanmeilen dieses Landes ließ sich das Wesen eines nationalen Kollektivs ja gut beobachtet. Es zeigt sich dabei immer wieder diese Sentimentalität und Überidentifikation gegenüber der eigenen Gruppe und andererseits die Gefühlskälte bis hin zur Gewalt gegenüber der Fremd-Gruppe.

Auf eurem neuen Album verarbeitet ihr den Egozentrismus von Leuten, die Geflüchteten noch ihre Turnhallenliege neben Hunderten Anderen neiden. In „Wir heißen willkommen“ dokumentiert ihr den Zynismus mit den Zeilen: Menschen sterben? Was bilden die sich ein? Heimat im Stich gelassen / Wegen einer Krise? Kämpft doch für euer Land / Aber lasst uns in Frieden“. Ein „Fußballsong“ („Das Trikot“) hat es auch wieder auf die Platte geschafft. Ist der schon präventiv für die nächste WM geschrieben worden oder warum lässt euch das Thema nicht los?

So sehr im Vordergrund sollte eigentlich nicht der Fußball stehen, sondern viel eher der schmierige Arbeitsethos und die Speichelleckerei gegenüber den Vorgesetzten. Ein Thema, das so alt ist wie die Lohnarbeit selbst. Irgendwie wurde zum Sommer 2016 doch eine Fußballnummer draus. Da stand das Konzept für NEBEL|LEBEN noch gar nicht. Der Song ist daher zugegebenermaßen eher der „Lückenfüller“ auf dem Album, was man auch musikalisch wahrscheinlich merkt. Da müssen wir auch mal selbstkritisch sein.

Cover Abschied von der Illusion 2014Bevor wir gleich mehr aufs aktuelle Album zu sprechen kommen, noch eine Frage zu eurem Debüt „Abschied von der Illusion“. Ein herausragender Song ist „Anti Homophobia“ mit dem Text „Ich hab genug von eurem Gerede, von euren Blicken, eurer Männlichkeit“. Wo macht ihr diese Erfahrungen? Und wie äußert sich unangenehm zur Schau gestellte Männlichkeit für euch?

Der Song war kurz nach dem „Herrentag“ vor ein paar Jahren entstanden, als Martin und Jong zwischen den ganzen saufenden Männerbanden in der Stadt unterwegs waren.

Was an solchen Tagen alles als Selbstbestätigung männlicher Privilegien nach außen getragen wird, können sich wohl die meisten selbst ausmalen, die sich an Christi Himmelfahrt noch vor die Tür wagen.

Aus anderer Perspektive ist es in linken Kreisen in gewisser Weise auch so, dass es schon noch einer Grenzüberschreitung oder einem so genannten „Outing“ gleich käme, wenn Menschen beginnen würden, ihre Homosexualität nach außen zu tragen. Die Befürchtung ist, dass sich im Umgang miteinander schon etwas ändern würde – wo doch die sexuelle Orientierung angeblich keine Rolle spielt. Theorie und Praxis gehen da oftmals noch etwas auseinander, auch wenn es keine direkten Ausgrenzungen gibt. Hinter dem Song steckt insofern auch Selbstreflexion, denn wir alle sind aufgerufen, uns in der Hinsicht selbst mal abzuklopfen. Offen zur Schau gestellte Männlichkeit ist manchmal weniger das Problem als die charakterliche Unfähigkeit, einen Menschen unabhängig von seiner sexuellen Orientierung zu begreifen.

Auf „NEBEL|LEBEN“ ist mir als Erstes der Song „Passagen“ aufgefallen. Wie kommt es, dass ihr im Jahr 2017 an Walter Benjamin erinnert?

Da gibt es viele Gründe. Zunächst einmal geht es darum, ein linkes Geschichtsbewusstsein am Leben zu erhalten. Wer meint, seine eigenen politischen Standpunkte zu formulieren, sollte nicht vergessen, an die zu erinnern, die entscheidende theoretische Wege vor uns beschritten haben. Von Walter Benjamin, seinen Ideen und seinem Suizid in Portbou ging eine besondere Erschütterung aus, die für uns eine Würdigung verlangte. Der Song ist dabei ein musikalisches wie lyrisches Wagnis gewesen. Benjamins Leben selbst war ja gewissermaßen eine schicksalhafte Versinnbildlichung seiner geschichtsphilosophischen Thesen, die wir mit unseren Mitteln einzufangen versuchten. Die Umstände seiner Flucht vor den Nazis und die seines tragischen Suizids im spanischen Grenzort Portbou lassen sich hier in Kürze kaum darstellen. Insbesondere Mika hatte dazu eine intensive Auseinandersetzung mit Benjamin und seiner Philosophie gesucht, wenngleich wir hier nicht mit einem Rock-Song irgendwelche Elfenbeintürme erstürmen wollen. Wir hoffen vor allem, dass „Passagen“ dem Gedenken an Benjamin gerecht wird und zur weiteren Beschäftigung mit seinem Leben und seinen Schriften einlädt.

Ihr beschreibt die Situation Benjamins kurz vor seinem Tod mit den Worten Atemlos, staatenlos, hoffnungslos / Die Aktentasche voll Papier“. Eine Situation, die sehr aktuell wirkt. Ist der Song auch durch die Eindrücke ankommender Geflüchteter in Rostock entstanden? Wie habt ihr diese Zeit mitbekommen und die Unterstützung der Menschen?

Wenngleich die Umstände von Benjamins Suizid nicht ganz abschließend geklärt zu sein scheinen, war er vor allem ein sensibler Intellektueller, dem der Faschismus nicht allein praktisch, sondern gleichzeitig auch theoretisch unheimliche Angst machte. Mit einem wohl nutzlosen Visum und dem Manuskript zu seinem Passagen-Werk in der Aktentasche drohte ihm unmittelbar die Auslieferung an die Behörden Nazi-Deutschlands im besetzten Frankreich. Unter diesen Umständen wählte er am 26. September 1940 den Tod.
Wir haben ebenso Geflüchtete in Rostock kennengelernt, die ihre gesamte Familie verloren haben, auf der verzweifelten Durchreise nach Schweden waren oder schlicht keine Hoffnung mehr für ihr Leben hatten. Menschen im biografischen Ausnahmezustand. In unserer Auseinandersetzung mit Walter Benjamin gab es den direkten Bezug dazu allerdings nicht. Jede Tragödie steht für sich, und es wäre anachronistisch allzu viele Bezüge zu sehen.
Was für heute bleibt, ist trotz allem bei vielen Menschen die Hoffnung. „Rostock hilft“ ist hier eine spontane Initiative gewesen, die vielen Geflüchteten Perspektiven und Hoffnung erst ermöglicht hat. So haben wir vor allem die Menschen kennengelernt, die nach ihrer Flucht hier einen Neuanfang wagen – und wir wünschen ihnen, dass dieser bestmöglich gelingt. Auf der anderen Seite gibt es die Hoffnungslosigkeit, die Abschiebungen, die zerrissenen Familien und sogar die Selbstmordversuche aus Angst vor Abschiebung und Verfolgung.

HH Bastian BochinskiBürgerlichen Zukunftsplanungs-Zwängen habt ihr auch einen Song gewidmet, „Barrikaden“, in dem recht häufig die Frage gestellt wird „Und wo sehen Sie sich in 5/10/einem Jahr(en)“. Gucken wir mal lieber zurück: Was war euer bisher bestes Konzert – außer denen in den bekannteren Läden/Festivals, die als Aushängeschild in eurem Band-Info stehen?

Es bleiben nicht nur die großen Konzerte mit Feine Sahne Fischfilet oder Turbostaat in Erinnerung. Die vielen kleineren Überraschungen bieten oft die bewegendsten Momente. So waren wir im Herbst 2016 in Coburg ein Hauptact auf dem dortigem Festival contre le racisme. Bis nach Bayern waren wir noch nie gereist und kannten dort eigentlich niemanden. Umso herzlicher war der Empfang: ein mitreißendes Konzert und eine tanzende Menge junger Menschen. Ähnlich ging es uns auch schon im AZ Aachen. Überhaupt sind es die schönsten Situationen, wenn du irgendwo in die Fremde kommst und die Leute deine Songs kennen und dir tanzend ihr Feedback geben. Da geht es manchmal dann mehr ab als zu Hause in Rostock. Und das ist gar nicht mal besonders eitel gemeint. Viel eher steckt gerade in den neuen Songs auch einiges Persönliches von uns drin. Und für diese Momente in denen wir unsere Emotionen mit einem Publikum teilen können, machen wir Musik. Eine bloße Party-Band zum Feiern sind wir nie gewesen – ein bisschen Tiefgang darf schon sein.

Und welches euer schlimmstes?

2015, KuT Sommerschlacht Open Air. Es war hochsommerliches Wetter, Mika total bekifft und daneben, Jong hatte Technik-Probleme am Amp und generell haben wir eigentlich nur Krach produziert. Einer Horde Punks vor der Bühne hat es trotzdem gefallen. Musikalisch haben wir uns eher als Karikatur empfunden, das wurde dann aber spät abends im Karaoke-Zelt und der Goa-Box alles wettgemacht: 1000 und eine Nacht – und es hat ‚Zoom’ gemacht! ;)

Und wo seht ihr euch im Oktober 2017, wenn dieses Interview erscheint? Ihr habt die Wahl zwischen ner schleimigen Antwort, realen Daten oder was euch noch einfällt.

Zunächst einmal hoffen wir, dass noch viele Leute in unser neues Album NEBEL|LEBEN reinhören. Das gibt’s digital auf allen gängigen Online-Plattformen und als CD. Wir hoffen auch, demnächst noch eine Vinylauflage nachlegen zu können. Unseren Freund*innen von Riot Bike Records fehlten da im Sommer die Kapazitäten.
Live müssen wir leider zwei bis drei Monate pausieren, da „Kahlschlag“ gedreht wird. Aber ab November wollen wir dann mehr mit der neuen Scheibe rumkommen. Die Booking-Menschen unter euch können uns dazu gerne mal anschreiben. Ansonsten gilt: Augen und Ohren offen halten!

Vielen Dank!

Interview: Kadda

Fotos: Christoph Trabert, Bastian Bochinski