Hier lest ihr einen Konzertbericht unserer Gastredakteurin Christiane! Vielen Dank dafür!!

FCKR IM ZXRX LE

Es is noch recht früh am Tag, als ich mit K. in Berlin zur Kreutziga Straße starte. Zusammen mit Teilen der “Bloody Marys” gehts heute nach Leipzig - und ich bin tierisch aufgeregt, denn ich hab mich hart verknallt: FCKR spielen im Zoro und nachdem ich meine Mitbewohnerinnen die letzten Wochen mit dem einzigartigen FCKR-Sound gequält habe, ist es nun endlich so weit. Und nein, ich kann nich warten bis die dann sowieso im Juni zum Carnival of Subculture und zum Resist to Exist hier spielen. Ich fahre heute nach Leipzig, fertsch.

Bei saumäßigem Wind kämpfen wir uns durch die von Menschen überschwämmten Straßen. Die Bäume über unseren Köpfen werfen mit Ästen nach uns und wir sind flott unterwegs. An der Kreutziga gibts für uns erstmal Bier und wir chillen uns noch kurz in den Proberaum - oder besser: Ich chille. K. räumt ihr Schlagzeug zusammen. Beim Hochtragebn kommt uns G. entgegen, die nicht nur noch schnell Haare waschen will, sondern auch ihren völlig verkaterten Freund vor sich die Treppen hochschiebt. Aha, der fährt dann also nicht mit nach Leipzig.

Nachdem wir aus einem ziemlich kleinen Auto die Kletterausrüstung rausgeräumt haben, quetschen wir K.’s Schlagzeugsachen, Gitarren und den üblichen Schnickschnack für das Konzert in den Kofferraum. Wir steigen ein, und steigen direkt wieder aus, weil niemand auf der Rückbank an die Anschnallgurte rankommt. Da hilft jetzt nur sorgfältiges Einfädeln. Beim dritten Versuch schaffen wir es, uns alle drei hinten anzuschnallen, ohne dass einer aussteigen muss. Die Mittelposition ist genau richtig für mich, denn normalerweise mache ich das Hohlkreuz in die andere Richtung. Wenigstens ziehts nich von links und rechts, denn da werde ich von meinen Sitznachbarn schön gewärmt.

Wie immer startet so eine Fahrt in eine andere Stadt mit übertrieben guter Laune, Musik aus der Dose und viel Gelaber. Wie der Typ neben mir heißt, erfahre ich trotzdem erst auf der Rückfahrt. Namen sind eben Schall und Rauch. Außer Bandnamen - und da drifte ich auch schon ab in mein kleines Universum aus Pisse, Angeschissen, Todeskommando Atomsturm und wie sie alle heißen… Heute stehen allerdings erstmal Shutcombo, die Bloody Marys und S.U.F.F. auf dem Programm und natürlich: FCKR. Shutcombo habe ich auch noch nie live gesehen, also perfekt - und die Bloody Marys als Mädchenpunkband auch wirklich mal wieder was anderes - vor allem auch, weil ich K. schon lange nicht mehr an den Drums gesehen habe. Der Wind schubst die kleine Karre auf der Autobahn hin und her, aber wir sind viel zu überladen, als dass er ne Chance hätte uns wegzupusten

In Leipzig angekommen stolpern wir in das noch leere und ziemlich unterkühlte Zoro und bekommen direkt eine kleine Führung. Wirklich beeindruckend finde ich vor allem den ferienlagerartig gestalteten Matratzenbereich im Backstage. Ansonsten kennt man das alles: Abgeranzte Wände mit ganz viel Sticker- und Poster-Kram, es riecht nach altem Bier, Moder und kaltem Rauch, es gibt Toiletten mit originellen Abriegelungstechniken und einen alten Bus, der zur Hälfte aus der Wand rausschaut. Langsam trudeln auch noch etwas verpennt die ersten Orga-Leute ein und die Bloody Marys bekommen ne geile Butze 300 Meter vom Zoro entfernt zum Übernachten. Mit Kühlschrankbefüllung fürs Frühstück und richtigen Betten - Wahnsinn.

Weil noch Zeit is bis es losgeht hocken wir uns gegenüber vom Zoro in ein gemütliches Café mit aufwändig zusammengesammelter Inneneinrichtung. Auf jedem Tisch liegen Bücherstapel, alte Kerzenständer und allerhand anderer Kram, der es einem unmöglich macht sein Gegenüber zu sehen. Wir räumen ein bisschen um und lassen uns nieder. Um uns herum sind viele Maria-Statuen, Jesusse, Kreuze und anderer Kirchenkram - der Laden und vor allem auch seine Mitarbeiter machen eher nich so den religiösen Eindruck. Wir bestellen Kaffee und bekommen schließlich eine große Keramikkanne mit abgeschlagenem Hals hingestellt. Die Kaffeetassen samt Unterteller sehen aus wie von Oma ausm guten Porzellanschrank. Abgerechgnet wird übrigens nicht pro Kanne, sondern nach kurzem Blickcheck in die Kanne und dann pimaldaumen wieviel raus ist. Sehr sympathischer Laden.

Ich haue kurzerhand rein und treffe meine Freundin. Essen wäre gut, aber der Durst ist größer als der Hunger. Zur Begrüßung gibts ein Sterni - endlich ein Ort, an dem das als allgemeines Wiedersehensritual völlig normal ist. Als ich die Straße Richtung Conne Island runterlaufe, fällt mir auf, wie ruhig es in den Straßen ist. “18.3. - Nazis boxen” steht da an der Hauswand - achja, richtig, da war ja was. Heute sollte hier eigentlich die Luft brennen. Letztendlich haben sich die Faschos aber doch nicht nach Connewitz getraut - bzw. war die Stadt so klug das zu verhindern - und mir nicht das FCKR-Konzert zu vermasseln. Danke. Jedenfalls ist weder von Bullen noch von Nazis was zu sehen. In fünf Minuten bin ich am Conne Island - diese Distanzen, die keine sind, hauen mich hier immer wieder um.

Ein Sterni und ein Radler später gehts zum Zoro zurück. Es ist kurz vor neun und von überall strömen schon kleine Grüppchen heran und verschwinden drinnen. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass man nicht zu spät reingehen sollte und behalte Recht - kurz nach zehn ist Einlassstop. Da sind wir allerdings schon längst drinnen und gammeln im Treppenbereich rum. Ich bin der Meinung ständig die Bass-Drum der ersten Band zu hören - merke dann aber, dass es die Tür vom Konzertraum ist, die in regelmäßigen Abständen gegen den Türrahmen wummert. Shutcombo startet einigermaßen pünktlich und ich stelle erleichtert fest, dass ich den furchtbaren Bad-Dürrenberg-Dialekt noch verstehe. Die Meute ist noch etwas träge bis auf einige aufgeregte Leute vor der Bühne. Es scheppert gut, ich bin positiv vom Zoro-Sound überrascht. Ich kann alles gut verstehen und wir müssen uns trotzdem nicht anschreien, wenn wir uns doch noch was zu sagen haben.

Irgendwann treffen wir auf K., die etwas verwirrt in den vollen Konzertsaal schaut. Auch der Rest der Bloody Marys ist sichtlich überrascht, dass es nicht nur vor dem Zoro eine Schlange gibt, sondern auch hier drinnen eigentlich schon voll is. Wir warten auch noch auf einen Freund - aber es is eben Einlassstop. Auch für unseren Mitfahrer aus Berlin ist vor der Tür erstmal Feierabend. Als die Bloody Marys auf die Bühne gehen, schnappen viele nochmal etwas Luft. K. braucht einen “dicken Beckenständer” - und das geflügelte Wort des Abends ist geboren - zumindest bis sich irgendjemand von den anderen Bands erbarmt einen rauszurücken. Der Soundcheck dauert eine Ewigkeit, zwischendurch sorgt ein ziemlich tiefes Dröhnen aus dem Gesangsmikro für Herzrhythmusstörungen und dann gehts aber irgendwann endlich los. Die Mädels legen ganz gut was vor und vor der Bühne beginnen jetzt auch mal zaghaft die Herren der Schöpfung zu tanzen - ganz vorne mit dabei: Der Gitarrist von FCKR. Ich schau mir das Spektakel von der Seite aus an. Offensichtlich hat er schon ordentlich einen sitzen und kippt fleißig weiter. Seine Begleitung versucht ihm das Biertrinken abzunehmen - aber er holt sich einfach immer wieder ein neues und stolpert munter vor der Bühne rum. K. ist ordentlich am Reinknüppeln und G. legt einen Kniefall hin - die Stimmung ist gut, aber klar: Ich warte natürlich schon sehnsüchtig auf FCKR! Und ich vermute, dass die erst zum Schluss spielen. Also begleite ich K. noch zum Merch-Stand. Während wir am Quatschen sind und die Mädels aus allen Poren schwitzen, sagt irgendwer, dass FCKR doch nicht zum Schluss spielen, sondern JETZT. Daraufhin dreh ich auf dem Absatz um und verschwinde wieder runter in den Konzertraum.

Die typische Soundkulisse aus Synthie und Einspielern baut sich bereits auf und ich suche mir einen Platz im Mittelfeld. Die Leute um mich rum kenne ich zwar alle nich (und es sind verdammt viele Pärchen da - iiiihhhhhh) trotzdem beschließe ich jetzt keine Zeit damit zu verschwenden Leute zu suchen. Ich stelle mich auf mein heißersehntestes Konzert bis jetzt in diesem Jahr ein - und da stehn se. Der Gitarrist taumelt hin und her und fummelt etwas unbeholfen an der Gitarre rum. Dann gehts aber los und mir wird sofort klar, warum es gar nicht so schlimm ist, dass die meisten Gitarreneinsätze daneben gehen: Der Bass-Drummer ist einfach ne verdammt harte Sau und reißt mit seinem Multitasking-Bum-Bum alles raus. Mit den Füßen spielt er Schlagzeug, den Bass hat er um den Hals hängen und freut sich n Ast ab. Der Sänger steht an seinem Synthi-Dingsbums und lässt die für FCKR so typischen Einspieler ablaufen. Weniger ist eben manchmal weniger :-)

L.U.X.U.S gehört als zweitgespielter Song auch zu meinen Lieblingsliedern. Das Publikum grölt so laut mit, dass man stellenweise den Sänger gar nicht richtig herausstechen hört. Aber trotzdem - mich als Dialekt-Fanatikerin reißt dieser leichte leipziger Akzent einfach voll mit. Obwohl der Gitarrist mit den meisten Riffs überfordert ist und auch seine sonstigen Mikro-Einsätze verplant, schnappt er es sich irgendwann und sagt “Lasst uns noch “Steine” spielen und dann hörn mer uff.” Die Leute johlen - und lassen FCKR natürlich nich so schnell von der Bühne. Trotzdem spielen sie nich alles, vor allem “Verknallt” und “Klopf” fehlen mir.

Noch mehr ärgert mich aber, dass ich den Merch-Stand später nur besucht habe, um mir diesen “Erstmal zu FCKR”-Beutel zu holen - dass es T-shirts bei FCKR grundsätzlich nur auf Konzis gibt, hab ich völlig vergessen und somit meine Chance erstmal verpasst. FCKR vermurksen einige Songs, weil die Gitarre irgendwas anderes macht, fangen manche Songs auch mehrmals an oder brechen vorzeitig ab. Trotzdem ist die Stimmung Bombe, es gibt Bierduschen und Stagediving ohne ersichtliche größere Verletzungen - zumindest in meiner Pärchen-Umgebung. Irgendwann verschwindet der Gitarrist einfach von der Bühne. Dafür setzt sich vorne auf einmal eine Frau auf die Bühne und beginnt auf Spanisch (?) einen Song auf den FCKR-Beat zu singen - die Leute sind angetan, aber trotzdem ist es nicht ganz das selbe, find ich und hab schon Schiss, dass es jetz vorbei is. Doch da kommt er nochmal mit seinem leicht verstörten Blick zurückgetorkelt und schnallt sich wieder die Gitarre um. FCKR spielen noch zwei Songs. Gefahrengebiet darf natürlkich nicht fehlen. Schon gar nich an so einem Tag, wo sich nich mehr als 150 Faschos in den Regen getraut haben.

Glücklich, durchgeschubst und verschwitzt geh ich raus und suche meine Meute, die gemütlich im Treppenhaus plauscht. Zu voll gewesen, naja, selber schuld, zum Glück hab ich niemanden gesucht. S.U.F.F. schaue ich mir nur für ein oder zwei Songs an und kann die Begeisterung der Leute nich richtig nachvollziehen. Viel Gekasper auf der Bühne und so richtig kommt vom Sound bei mir nichts an. Die meisten Leute sind jetzt sowieso völlig hinüber und beschütten sich im Takt mit Bier. Wir schütten das Bier lieber in uns rein als auf den Boden und greifen noch das ein oder andere interessante Gespräch ab. Schließlich machen wir uns auch irgendwann auf den Heimweg zu meiner Freundin. Straßenbahn verpassen heißt dann eben auch mal ne Stunde nach Plagwitz laufen - aber egal, mit Fußpils alles kein Problem.

Unterwegs kommt uns noch ein Radfahrer entgegen, der uns nicht nur versucht auszuweichen, sondern einfach direkt ins Gebüsch neben uns fährt und sich so richtig auf die Fresse packt. Das Skurrile dabei: Er lacht die ganze Zeit als gäbs kein Morgen. Wir lachen freundlicherweise mit und helfen ihm hoch. Wer lacht, hat sowas wahrscheinlich schon öfter überlebt.

Am nächsten morgen schlage ich mich mit den Leipziger Öffis zum Zoro zurück durch und wir treten die Heimfahrt an. Ich ziehe das große Los und muss nich nochmal in der Mitte sitzen. Unterwegs wird nochmal getauscht und K. heizt mit gefühlten 200 km/h (ok, so viel kann das Auto bestimmt nicht mal leer fahren) wieder nach Berlin zurück. Es schifft in Strömen und ich bin happy wie nix. Hoffentlich is bald Juni und dann: Erstmal zu FCKR.