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Hurra, Jello Biafra hat ´ne neue Band !!! Diese positive Botschaft erfahre ich Hinterwäldler quasi in einem lapidaren Nebensatz als mich Hardy von den DÖDELHAIEN fragt, ob ich auch nach Köln fahre, um mir die kubanische Thrash Metal Band TENDENCIA live in die Augen und Ohren zu schrauben. Die spielen mit JELLO BIAFRA AND THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE. Ui,.. ich bin platt. Auch wegen des unsäglich langen Bandnamens, dessen Sinn sich mir nicht freiwillig erschließt. Der charismatische ex-DEAD KENNEDYS Sänger hat also wieder ´ne Band, und die ewig desinformierte Punkrock-Presse weiß natürlich von gar nix. Vor ein paar Jahre hab ich mir JELLO BIAFRA AND THE MELVINS angesehen. Und das war einfach nur großartig. Also durfte man auch hier durchaus auf ein gutes Konzert hoffen.
Die Lieder auf MySpace klangen schon mal recht viel versprechend. Glücklicherweise hatten die beiden DÖDELHAIE Andy und Hardy noch einen Platz in ihrer Karre frei. Deshalb zögerte ich keine Sekunde. Auch wenn ich den „Underground“ in Köln für einen recht unsympathischen Laden halte mit Türstehern, ziemlich hohen Preise und manchmal seltsamen Sitten. Ein kleiner Trost: das Konzert war kurzfristig von der noch viel unsympathischeren „Live Music Hall“ in den „Underground“ herüber geschoben worden. Wahrscheinlich lief der Vorverkauf nicht so besonders.

Wir kamen glücklicherweise um die 20 Euro (!) Eintritt herum, weil wir das Schlagzeug für TENDENCIA dabei hatten. Mit den Kubanern verbindet Andy und Hardy eine schon 14-jährige Freundschaft. 1995 waren wir zusammen 3 Wochen in Kuba im Urlaub. In PLASTIC BOMB #11 stand seinerzeit ein langer Bericht über diese Reise. Jedenfalls lernten wir dort in Pinar del Rio Kiko kennen. Er war Englischlehrer und Mitglied von TENDENCIA. Über mehrere Tage hingen wir zusammen ab und hatten in ihm einen ortskundigen Reiseführer. So bekamen wir Kontakt zu den Einheimischen, Einblicke in deren Alltag, in die Politik und sozialen Verhältnisse. Also in all das, was du nie erfährst, wenn du nur in den abgeschotteten Touristen-Ghettos bleibst. Es wurde ein Schlafzimmer leer geräumt, um dort ein Schlagzeug aufzubauen. Andere Instrumente folgten. Und so kam es, dass TENDENCIA und Teile der DÖDELHAIE dort bei einer brüllenden Hitze und Temperaturen um die 40 Grad eine astreine Session hinlegten. Verdammt, was haben wir geschwitzt...?!! Der Kontakt zu den Haien ist über all die Jahre konstant geblieben. Sie veröffentlichten auf IMPACT RECORDS sogar eine EP der Band. Inzwischen sind TENDENCIA ein sehr erfolgreiche Metalband auf Kuba. Sie werden staatlich gefördert und spielen in vollen Hallen und Stadien auch schon mal vor 15.000 Zuschauern. Auf Kuba gab es auch schon einen sehr erfolgreichen Gig mit den DÖDELHAIEN, die extra dafür dorthin geflogen waren !

Nun kamen die eingefleischten Metaller und überzeugten Kommunisten erstmals nach Deutschland. Dank Mundo Libre, einem Reiseveranstalter aus Berlin für politische Reisen unter Mithilfe der Organisation Cuba Si! (www.cuba-si.de/). Sie eröffneten um kurz nach 20 Uhr den Abend. Ihr Sound geht stark in die Richtung von SEPULTURA und SOULFLY. Das ist Metal mit einem etwas indigenen Touch, was schon alleine durch den Einsatz der Bongos untermauert wird. So halten lateinamerikanische Einflüsse in ihre Musik Einzug. Gecovert wird die alte Hymne „Guantanamera“, die man einmal traditionell spielt und anschließend als Thrash Metal Version. Das war schon klasse. Der Gesang war aber etwas zu leise. Alles in allem ist Metal nicht mein Ding (obwohl mir gerade auffällt, dass just in diesem Moment zum 3.Mal hintereinander dieselbe IRON MAIDEN Scheibe auf meinem Plattenteller kreist, haha...). Aber es war wirklich nicht übel. Jello hat´s auch gefallen. Er hat sich TENDENCIA explizit als Vorband gewünscht und hat sich auch die letzten 4 Songs interessiert angehört.

Um 21:30 Uhr kam dann Jello Biafra mit Band auf die Bühne. Der Meister persönlich. Der Raum war rappelvoll, aber nicht übervoll. Es gab zunächst Befürchtungen, dass es wieder eines dieser beschissenen Konzerte werden würde, wo viele zu viele Menschen dicht gedrängt stehen müssen. Da bleibt natürlich der Spaß auf der Strecke. Aber hier war es absolut im Rahmen.
Niemand kannte die Songs der Band. Die CD erscheint erst im Oktober. Dies zumindest verriet ein kleines Schild am Merch-Stand. Sehr ungewöhnlich. Normal geht eine Band doch erst auf Tour, wenn die Platte draußen ist und die Leute die Chance besitzen sich näher mit Texten und der Musik zu befassen. Aber Jello war bekanntlich noch nie normal. Der Anblick von Jello Biafra reichte bei großen Teilen des Publikums bereits um in Jubelstürme auszubrechen. Klar, der Mann ist eine Ikone. Eine der sehr sehr wenigen Galionsfiguren, die der Punk besitzt. Dieser Mann ist seinen Idealen immer treu geblieben. Er ist mit zunehmendem Alter nicht von der Natur und der Bequemlichkeit entradikalisiert und entpolitisiert worden. Er ist immer noch ein sturer Querkopf. Ein hochintelligenter Zyniker. Ein ultra politischer Unruheherd im Kampf für mehr Gerechtigkeit. Das wird ihm weltweit hoch angerechnet. Der Respekt gegenüber seiner Person ist gigantisch. Und auch musikalisch konnte er mit all seinen Projekten wie z.B. mit NOMEANSO, DOA, LARD, MOJO NIXON und den MELVINS absolut überzeugen. Einziger Schwachpunkt ist vielleicht sein etwas schräges, düsteres Projekt TUMOR CIRCUS.

Jello und Kollegen kamen also auf die Bühne, und der Jubel brach los. Die Musik ist wieder punkiger, direkter, kommt zur Sache und auf den Punkt. Es entstand wirklich der Eindruck als stände dort die Fortsetzung der DEAD KENNEDYS !!! Die haben sich 1986 nach der LP „Bedtime for democracy“ aufgelöst. Und diese neuen Songs hören sich so an als wären sie 1988 entstanden. Für eine LP, die nie erschienen ist. Sie knüpfen tatsächlich ans Ende der DEAD KENNEDYS an !!! Auch die Gitarre weckt gelegentlich Erinnerungen an die DK. Obwohl niemand die Songs kannte, steigerte sich die Stimmung stetig, was ich trotz des Kultes um Biafra nicht für selbstverständlich halte. Die gelegentlich eingestreuten DEAD KENNEDYS Klassiker taten das ihre um die Atmosphäre noch mehr aufzuheizen. Zuerst kam „California über alles“. Absolut genial, mit überarbeitetem Text. Zugeschnitten auf die aktuelle Situation. Es folgten „when ya get drafted“, das überaus brillante „holiday in cambodia“ und am Schluss „police truck“. Allesamt erzeugten die Songs Gänsehaut und einen puren Adrenalinkick. Darauf hatten alle gewartet. Jello macht das eigentlich immer ziemlich geschickt. Egal wann und wo er spielt, es kommen immer einige Song der Kennedys zum Einsatz. Er bedient die Wünsche des Publikums und führt sie auf diese Weise auch an das neue Material heran. So sind unterm Strich alle zufrieden.

Zwischen den Liedern setzte der Meister zu seinen beliebten Monologen an. Extrem sicher und scharfsinnig sezierte er politische Zusammenhänge. Beispielsweise über Kalifornien, die fünftgrößte Wirtschaft der Welt, die kollabiert ist. Und Schwarzenegger traut sich nicht das Geld der Reichen anzutasten. Diese Predigten dauerten gerne auch mal 5 Minuten. Im Zugabenteil dauerte eine Ansage gefühlte 10 Minuten als es um Präsident Obama ging. Um seine guten Ideen und Ansätze, denen aber null Effektivität folgt. Guantanamo wurde immer noch nicht geschlossen. Und die Verbrechen der Bush-Regierungen wurden unter den Tisch gekehrt und nicht verfolgt. Wenn Jello einmal in Fahrt ist, kann ihn kaum irgendetwas bremsen. Aber warum auch. Sind ja alles schlaue Sachen, für die er wohlverdienten Applaus erntet.

Anderthalb Stunden dauert der Auftritt. Keine Lückenfüller, keine Längen. Alle sind glücklich. Die Ü-40 Party löst sich auf. Ich freu mich jetzt schon auf die Platte im Oktober !

Micha.-

JELLO BIAFRA & THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE
:
www.myspace.com/jellobiafraandthegsm
Kommentare (4)Add Comment
biafra geschrieben von hansen77, 12.Dezember 2009, 15:00 Uhr
hansen77
eines meiner größten punk rock geschenke war dk live 82 in hamburg. all die großen punk rock größen sind ja nun alle unter der erde - no more heroes ,hab ich da was falsch verstanden - also, wenn ihr die möglichkeit habt biafra live sehen zu dürfen, last euch das nicht entgehen !!!ihr beißt euch bis zu oierm punk ende in den arsch.
weiß einer von euch, ob LARD mal in deutschland gespielt haben ?
grüße hansen
... geschrieben von struppi, 10.September 2009, 11:28 Uhr
struppi
Grad hab ich mit dem Robert telefoniert, der Jello Biafra vergangenes Wochenende in Berlin gesehen hat. Er meiente das wäre das beste Konzert in seinem Leben gewesen und Jello Biafra wäre fett geworden :-)
und auch dort, keiner der Anwesenden war unter 40
frage geschrieben von simon, 07.September 2009, 14:54 Uhr
simon
sind die gut, dead kennedys
... geschrieben von smart.alex, 06.September 2009, 22:11 Uhr
smart.alex
komischerweise hab ich den jello B. mit seiner neuen kapelle vor kurzem in österreich auf einem sehr fetten mainstream-festival gesehen. da haben sich er, farin urlaub, mando diao,Prodidgy(oder so ähnlich), Mia und konsorten die klinke in die hand gedrückt. ....(ich war übrigens zum arbeiten dort, und nicht wegen den bands.. ;) )

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