Geschrieben von: Micha Montag, den 26. Oktober 2009 um 21:30 Uhr
Schon mal Punkrock aus Wales gehört? Ach, noch nicht? Du weißt nicht mal wo Wales liegt? Dann wird´s Zeit den Nachhilfeunterricht in Erdkunde anzutreten und sich die CD der STRAWBERRY BLONDES anzuhören. Die wohnen in Newport und sind mit ihrer 2.CD mit dem glorreichen Titel „Fight back“ auf dem deutschen Label WOLVERINE RECORDS gelandet. Zugegeben, die Band kopiert schon verdammt viel von RANCID. Musik, Texte, Artwork und Image sind im Grunde eine Hommage an Tim Armstrong und Co. Des weiteren zählen ANTI-FLAG, THE UNSEEN, THE POGUES und englische 77er-Punkrockbands sicher zu den Einflüssen. Im November 2009 setzen die STRAWBERRY BLONDES aufs Festland über, um in Deutschland zu touren. Deshalb stelle ich euch die Band an dieser Stelle mal kurz vor, damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Meine Interviewfragen beantwortete Sänger Mickie Stabbs. Die Tourdaten findet ihr ganz am Ende.
Ihr kommt im November nach Deutschland auf Tour. Was erwartet ihr von der Tour?
Direkt nach der Tour mit den STREET DOGS kommen wir zu euch rüber. Wir freuen uns auf die Tour und darauf unser neues Album zu präsentieren. Besondern in Deutschland. Deutschland gehört immer zu unseren bevorzugten Ländern, wenn wir auf Tour gehen. Wir lieben Deutschland (Anm.: is ja gut... entspannt euch... wir glauben´s ja...). Es sieht so aus als wären wir bei euch immer sehr willkommen. Die Punkszene scheint gesündern zu sein als bei uns in Großbritannien. Die Shows rocken immer.
Euer aktuelles Album widmet ihr den streikenden britischen Bergarbeitern, die 1984 einen langen, aber leider erfolglosen Kampf bestritten haben. Das ist sehr lange her. Was verbindet euch mit diesem Ereignis?
In diesem Jahr ist der 25.Gedenktag des englischen Bergarbeiterstreiks von 1984. Dort, wo wir herkommen, sieht man die tiefen Narben und Auswirkungen des Streiks noch heute. Deshalb haben wir das Album den Bergarbeitern und ihren Familien gewidmet. Eine meiner ersten Erinnerung an meine Schulzeit in die Zeit des Bergarbeiterstreiks. Ich war damals 5 Jahre alt. Ich kann mich noch daran erinnern, das man auf der Arbeit beim Mittagsessen Sammelbüchsen herum gehen ließ um Geld für die Gewerkschaft der Minenarbeiter zu sammeln. Wenn du jung bist, dann steckt das in deinem Gehirn drin. Wenn du etwas älter wirst, beginnst du zu verstehen. Du kannst nicht helfen, aber du wirst radikaler durch das, was in deiner Umgebung vor sich geht.
Der Song „Las Brigadas Internationales“ handelt vom spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939. Seid ihr generell an Geschichte und historischen Begebenheiten interessiert?
Ich denke, es ist wichtig, dass sich Menschen für Geschichte interessieren. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Geschichte kann als Warnung für die Zukunft fungieren. ‘Las Brigadas Internationales’ handelt von Arbeitern, Poeten und Gewerkschaftern, die sich in Internationalen Brigaden sammelten und während des spanischen Bürgerkriegs durch Spanien reisten, um Franco und den Faschismus zu bekämpfen. Zu dem Song wurden wir inspiriert durch George Orwell’s ‘Homage to Catalonia´. Es werden die Menschen gefeiert, die in den Internationalen Brigaden kämpften. Und er richtet sich außerdem an unsere apathische Generation. Heute ist es bei weitem nicht mehr so, das die Leute einfach losgehen und in einer Art und Weise für eine Sache kämpfen wie es einst die Internationalen Brigaden gegen den Faschismus taten. Das man gegen etwas ankämpft, wovon man weiß das falsch ist, ohne das man sich um eventuelle Folgen kümmert. Wir empfinden den Purismus dieser Aussage als unglaublich kraftvoll.
Ihr redet von Widerstand, vom Kämpfen, davon die Dinge nicht einfach so hinzunehmen in diesen schwierigen Zeiten. Ist das eher ein Wunsch, Zweckoptimismus oder glaubt ihr wirklich daran, dass die Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten irgendwann mit einer Revolution zur Wehr setzen?
Die Menschen haben in der Geschichte schon immer gekämpft und zurückgeschlagen. Die Geschichte zeigt, dass Menschen immer weiter bedrängt und getrieben werden, und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie zurückschlagen. Wir leben in düsteren Zeiten. Faschismus zeigt sein hässliches Gesicht immer in Zeiten der Rezession. Und deshalb ist es sehr wichtig, dass wir aus der Vergangenheit lernen und rechtzeitig zu kämpfen beginnen.
Die CD trägt den Namen „fight back“, und auf dem Cover sind all die Dinge aufgezählt, gegen die sich zu kämpfen lohnt: Political Correctness, Faschismus, Sexismus, Konservatismus, Homophobia, Diskriminierung, Ausbeutung etc. Auf welchen Ebenen und mit welchen Mitteln kämpft ihr?
Als Band ist es uns wichtig, dass unsere Texte etwas aussagen. Wir schreiben keine beschissenen Liebeslieder. Du schaltest den Fernseher an, und was du in den Nachrichten hörst sind Geschichten über Kriegsopfer, Armut, Hungersnöte und Arbeitslosigkeit. Was haben Liebeslieder für eine Bedeutung für diese Leute? Keine! Alle Regierungen sind glücklich, dass die Menschen aus der Arbeiterklasse sich selbst reduzieren und sich mit ihre Zweisamkeit begnügen, vollkommen vernarrt in sich selbst. Nicht genügend Bands singen über Dinge, die wichtig sind, weil sie sonst das Gefühl hätten jemandem auf die Füsse zu treten. Es sind die härtesten Themen, über die man schreiben muss. Also ist es sehr wichtig, dass es Bands wie uns gibt, die die härtesten Themen anpacken.
Das Cover eurer ersten CD „Rise up“ zeigt eine Hand, die ein Molotow Cocktail wirft. Mal ehrlich, wie militant seid ihr. Ist Gewalt ein legitimes Mittel im Kampf gegen Ungerechtigkeit?
In manchen Fällen ist Gewalt das einzig legitime Mittel des Widerstands.
Die neue CD erscheint in Deutschland auf WOLVERINE RECORDS. Wie kam der Kontakt zustande?
In Großbritannien und speziell in der Punkszene besitzt WOLVERINE RECORDS den Ruf ein großartiges Label zu sein. Es ist eines der bekanntesten Punklabels in Deutschland. Ich denke Sascha, der das Label betreibt, ist genauso wie wir. Er fühlt sich den Bands, der Musik und dem eigenen Label zu 100% verpflichtet und ist sehr engagiert. Dieses Level des Enthusiasmus` und der Liebe zur Musik ist uns sehr wichtig.
Erzählt mal etwas über Punkrock in Newport, wo ihr herkommt. Gibt´s dort etwas Erwähnenswertes?
Ja, wir sind aus Newport in Wales. Es ist ein verdammtes 3.Welt-Land. Thatcher hat in den 80ern alle Kohleminen und Arbeitsplätze zerstört. Zurück blieb nur Arbeitslosigkeit. Niemand hat jemals Postkarten mit Bildern von Wales hergestellt. Wenn sie´s doch machen würden, dann sähe man dort nur Scheisse und Schutt. Mit den Bands ist es dort genauso wie überall auf der Welt. Zu viele Scheissbands und weniger gute Bands, aber es gibt auch ein paar sehr gute walisische Bands. ANHREFN sind verdammt genial. (Anm.: ANHREFN sind in der Tat eine sehr geile Punkrockband aus den 80ern, die auch diverse LPs veröffentlichten. Ihre Texte waren genialerweise immer in der Landessprache. Haltet auf Flohmärkten oder von mir aus auch auf Ebay Ausschau danach !). Sie waren während der letzten 30 Jahren eine der besten Bands aus Wales, wenn nicht sogar aus ganz Großbritannien. Sie waren kompromisslos und inspirierend. Und sie waren recht groß in Europa. Die MANIC STREET PREACHERS waren eine weitere tolle Band aus Wales. Bevor se alt und langweilig wurden, waren sie eine der wichtigsten Bands der 90er. Aus Newport kamen Bands wie THE PERFECTORS, COWBOY KILLERS und DUB WAR.
Auf dem Album dankt ihr dem Label, dem Management, den Sponsor, den Booking- und Promotionagenturen. Können Punkrockbands ohne diese Institutionen heute nicht mehr existieren?
Wir sind eine D.I.Y.-Punkband. Wir designen unser eigenes Artwork und unsere Poster. Wir verfassen unsere eigenen Presseanschreiben und machen unseren eigenen Merchandise. Wenn du eine Undergroundband bist, dann gibt es halt so viele Dinge, die Labels, Manager und Booker für dich machen können. Die Leute, die mit uns zusammenarbeiten, fahren nicht in dicken Autos rum. Das sind Menschen, die Punkrock genauso lieben wie die Bands, mit denen sie zusammenarbeiten. Diese Hilfe anzulehnen, nur weil man sich an den Begriff D.I.Y. klammert, ist dumm. Es gibt nichts Langweiligeres für uns als Lästerer, die den Sellout von Bands anklagen, wenn sie zu einem Majorlabel gewechselt sind oder ihre Videos auf MTV laufen. Wenn eine Band so viele Leute wie möglich erreichen möchte, dann muss sie zu einem Majorlabel gehen. Diese ganze Indie-Mentalität, die um Punkrock herum existiert, ist unserer Meinung nach Bullshit. Es gibt nichts Romantisches daran ein Independent-Label zu sein. Wir kämpfen jeden Tag dafür unsere Rechnungen bezahlen zu können, so wie jeder andere auch. Das Level der Käuflichkeit ist bei einem Independent-Label nur in kleinerem Maß ausgeprägt. Wenn du keinen Traum hast, kannst du dein ganzes Leben lang nur kleine blasse Schnipsel aus Fanzines ausschneiden. Aber ab einem gewissen Punkt willst du das glänzende Zeug, das nicht verblasst.
Was entgegneten ihr denjenigen, die euch nur für einen weiteren RANCID-Clone halten?
Nun, wenn es von einem Musikjournalisten kommt, dann würde ich sagen, dass das verdammt fauler Journalismus ist. Es ist wesentlich einfacher eine Band in eine Schublade zu stecken als eine intelligente Meinung über sie zu formulieren. (Anm.: Im Umkehrschluss ist es aber auch einfacher Bands zu kopieren als eigenständige Musik zu machen.) Wir lieben RANCID und haben die Band auch schon immer geliebt. Wir sind eine Band, die ihr Herz auch nach aussen trägt. Unsere Helden sind selbstverständlich THE CLASH, SEX PISTOLS, RANCID, SOCIAL DISTORTION, JOHNNY CASH. Wir sind nicht an avantgardistischer Originalität interessiert.
Was denkt ihr über das aktuelle RANCID-Album „let the dominoes fall“? Wie hat es euch gefallen?
Du kannst nicht leugnen, dass RANCID mindestens 2 verdammt wundervolle Alben und ein paar sehr gute Platten veröffentlicht haben. Aber „Let the dominoes fall“ gehört nicht dazu. Es sind 3 bis 4 gute Songs drauf. Aber 3 bis 4 gute Songs reichen halt nicht für ein gutes Album.
Gibt es Ziele, die ihr mit eurer Band in der Zukunft erreichen möchtet?
Wir wollen großartige Songs schreiben und wollen den Leuten die Dinge nahe legen, die wirklich wichtig sind.
Was sind zur Zeit deine 5 Lieblingsplatten?
Mickie Stabbs:
1. Public Toys – Rock ‘n’ Roll Parasites
2. The Briggs – Come All You Madmen
3. The Clash – The Clash
4. Stubborn All Stars – Back With A New Batch
5. Street Dogs – Fading American Dream
Danke fürs Interview.
Micha.-
Infos und Songs zum Reinhören findet ihr auf www.myspace.com/strawberryblondes
Auf der CD-Beilage von PLASTIC BOMB #69 (Ende November 2009) hört ihr ebenfalls einen Song.
Tourdaten:
06.11. SONIC BALLROOM, KÖLN
07.11. AK 47, DUSSELDORF
08.11. DESI, NÜRNBERG
14.11. KTS, KTS FESTIVAL, FREIBURG
15.11. ALTE HACKEREI, KARLSRUHE
16.11. KULTURRAMPE, KREFELD
17.11. ROTE FLORA, HAMBURG


Grüße
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Impressum
Plastic Bomb GmbH | Heckenstr. 35/HH | 47058 Duisburg | Tel: 0203 / 3630334 | E-Mail: micha[at]plastic-bomb[punkt]de





















wo findet man heute noch viel eigennote bei neueren bands?
welche von denen kategorisiert man nicht direkt mit "klingt wie XYZ..."?
strawberry blondes hinterlassen bei mir aber einen sehr guten ersten eindruck, ich schau sie mir nächsten samstag mal live im ak47 in düsseldorf an wohl.